In Italien wurden die Pläne zum Bau einer Brücke über die Straße von Messina wieder aktiviert, die die Insel Sizilien mit dem Festland des Landes verbinden soll. Das groß angelegte Projekt wird seit mehr als zweitausend Jahren diskutiert, doch auch heute bleibt es wegen seismischer, technischer, ökologischer und finanzieller Risiken Gegenstand heftiger Kontroversen. Laut jüngsten Angaben der Behörden wird die Kosten des modernen Projekts auf 13,5 Milliarden Euro geschätzt, und der zentrale Spann der Konstruktion soll 3,3 km betragen, was sie potenziell zur längsten Hängebrücke der Welt machen würde.

Eine Geschichte von zweitausend Jahren

Die Idee, die Straße von Messina zu überqueren, reicht bis in die Antike zurück. Laut Plinius dem Älteren errichteten die Römer bereits im Jahr 251 v. Chr. eine provisorische Brücke aus Booten und Fässern über die Meerenge. In den folgenden Jahrhunderten kam das Konzept eines groß angelegten Bauwerks wiederholt in die öffentliche Debatte: Es wurde unter anderem von Benito Mussolini und Silvio Berlusconi unterstützt. 2022 wurde das Projekt erneut zu einer der prioritären Infrastrukturrichtungen Italiens, nachdem Verkehrsminister Matteo Salvini es befürwortet hatte.

Umfang und Parameter der Konstruktion

Geplant ist, dass die Brücke Torre Faro im Nordosten Siziliens mit Villa San Giovanni in Kalabrien verbindet. Der zentrale Spann von 3,3 km wird das Bauwerk zu einer der längsten Hängebrücken der Erde machen. Die Konstruktion soll sechs Fahrspuren für den Straßenverkehr, zwei Servicebahnen und zwei Gleise für den Schienenverkehr umfassen. In dieser Gesamtheit der Parameter hat eine solche Konstruktion bislang keine Entsprechung. Zur Umsetzung des Projekts ist die Enteignung von mehr als 400 Immobilien in den Küstenregionen vorgesehen.

Widersprüchliche Angaben

Der Zeitplan für den Baubeginn wirkt widersprüchlich. Die italienischen Behörden haben den Start der Arbeiten mehrfach verschoben: zunächst war er für 2024 geplant, dann für Anfang 2025, anschließend für Anfang 2026. Im Februar erklärte Verkehrsminister Salvini, der Bau solle im Sommer beginnen. Doch laut Berichten sind im Bereich von Torre Faro, wo der Bau geplant ist, bis Mitte 2026 keine deutlichen Anzeichen für den Baubeginn zu erkennen. Auch auf technischer Ebene gibt es Uneinigkeit: Der ehemalige Dekan der Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Universität Catania, Antonino Rizzitano, behauptet, dass moderne Technologien es nicht erlauben, die Zuverlässigkeit der Hauptaufhängetrosse einer solchen Länge angemessen zu testen, und bezeichnet das Projekt als „technisch nicht umsetzbar“. Das Bauunternehmen Webuild, das mit dem Bau betraut werden soll, erklärt daraufhin, diese Einwände seien bereits in einem technischen Bericht von 2025 geprüft und widerlegt worden.

Seismische und ökologische Risiken

Die Region ist durch eine hohe seismische Aktivität gekennzeichnet. Laut dem Geologen Carlo Doloni wurden in den letzten 40 Jahren im Umkreis von 40 km rund um den potenziellen Bauplatz mehr als fünftausend Erdbeben geringer Stärke registriert. Befürworter des Projekts betonen, dass die Brücke unter Berücksichtigung extremer Bedingungen entworfen wurde und Erschütterungen mit einer Stärke von bis zu 7,1 aushalten soll. Einzelne Kontroversen betreffen die Auswirkungen des Bauwerks auf die Umwelt: Ökologen fürchten, dass die Brücke einen wichtigen Wanderkorridor für Vögel und Meeressäuger beeinträchtigen könnte. Laut Naturschutzorganisationen können allein in den sechs Wochen der Frühjahrswanderung Millionen von Vögeln über das Gebiet der künftigen Brücke fliegen.

Lokale Anwohner und Aktivisten

Nicht alle lokalen Anwohner unterstützen das Projekt. Menschen, deren Häuser enteignet werden sollen, fürchten, dass selbst ein unvollendeter Bau den lokalen Landschaftscharakter dauerhaft verändern wird. Die Aktivistin Mariella Valbruzzi, die seit mehr als zehn Jahren gegen den Bau eintritt, merkt an, dass die größte Gefahr nicht nur mit der Brücke selbst zusammenhängen könnte: „Mich beunruhigt, dass die Arbeiten an Straßen und Viadukten trotzdem beginnen und diese geschützte Landschaft unter Beton begraben wird, mit oder ohne Brücke.“ Damit bleibt die Zukunft des Projekts offen, und auch 2026 zählt es weiterhin zu den umstrittensten Infrastrukturvorhaben Italiens.