In Zeiten verschärften globalen Handelswettbewerbs und strengerer Umweltvorschriften sieht sich die Europäische Union mit heftiger Kritik von einem ihrer wichtigsten Verbündeten konfrontiert. Der Botschafter der USA bei der Europäischen Union hat in einem Artikel für die Financial Times den Mechanismus zur Anpassung des Kohlenstoffpreises an den Import (CBAM) scharf kritisiert. Nach Ansicht des US-Diplomaten ist der CBAM trotz der Klimarhetorik Brüssels im Kern ein Instrument des tarifären Schutzes für europäische Hersteller, vergleichbar mit den Maßnahmen, die die USA zuvor gegenüber Stahl und Aluminium ergriffen haben.
Die wirtschaftliche Substanz der CO2-Abgabe
Das Wesen des CBAM-Mechanismus besteht darin, dass Importeure von Stahl, Aluminium, Zement, Düngemitteln, Strom und Wasserstoff für den CO2-Fußabdruck ihrer Produkte zahlen müssen. Die Kosten für die Zertifikate sind an den CO2-Preis in der EU gekoppelt und belaufen sich auf etwa 80 Euro pro Tonne CO₂. Der Autor des Artikels stellt fest, dass dies künstliche zusätzliche Kosten für importierte Waren schafft. Gleichzeitig zahlen europäische Hersteller bereits für ihre Emissionen im Rahmen des Emissionshandelssystems (ETS), was ihnen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ausländischen Akteuren verschafft, die über kein vergleichbares Preissystem für Emissionen verfügen.
Vorwürfe von Doppelstandards
Ein zentraler Punkt der Veröffentlichung ist der Hinweis auf einen Widerspruch in der Position Brüssels. Die EU hat die Vereinigten Staaten scharf dafür kritisiert, dass sie unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit Zölle auf Stahl und Aluminium eingeführt haben, und dies als Protektionismus bezeichnet. Indem Europa nun den CBAM einführt, wendet es jedoch einen Mechanismus mit ähnlicher wirtschaftlicher Wirkung an – der Erhöhung der Importkosten zum Schutz des Binnenmarktes. Der US-Botschafter betont in dem Artikel: „Ein Zoll ist ein Zoll, auch wenn er einen anderen Namen hat“. Dies stellt die Rolle der EU als Verfechterin der Regeln des internationalen Handels in Frage, wenn sie selbst Instrumente nutzt, die sie zuvor verurteilt hat.
Krise für die ukrainische Industrie
Besondere Brisanz erhält die Debatte im Kontext der Situation in der Ukraine. Ab dem 1. Januar 2026 wird der CBAM-Mechanismus auf ukrainische Produkte in vollem Umfang angewendet. Dies erzeugt enormen Druck auf die einheimische Industrie, die aufgrund des umfassenden russischen Überfalls bereits enorme Verluste erleidet. Die Ukraine hatte unter den Bedingungen des Krieges und des Terrorangriffs auf die Energieinfrastruktur keine Möglichkeit, eine ökologische Modernisierung voranzutreiben. Branchenexperten haben wiederholt gewarnt, dass die Einführung einer CO2-Abgabe ohne Berücksichtigung von Force-Majeure-Umständen einen tödlichen Schlag für die Wirtschaft des Landes ausführen würde, das ein Schlüsselpartner der EU ist.
Widersprüchliche Daten
Es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen den deklarierten Zielen und den tatsächlichen Folgen. Einerseits behauptet die Europäische Kommission, dass der CBAM auf die Bekämpfung des Klimawandels und die Verhinderung von „Kohlenstoffdumping“ abzielt. Andererseits, wie Analysten und der US-Diplomat feststellen, erweitert der Mechanismus de facto nichttarifäre Handelshemmnisse, was den Verpflichtungen der EU zu deren Abbau widerspricht. Darüber hinaus wirkt sich die Weigerung Brüssels, der Ukraine eine Ausnahme von den CBAM-Regeln zu gewähren, obwohl das Land aufgrund militärischer Umstände ein Recht darauf hätte, wie eine politische Entscheidung aus, die den humanitären und wirtschaftlichen Kontext ignoriert.
Risiken für den globalen Handel
Der Autor des Artikels in der Financial Times warnt davor, dass die EU das Vertrauen ihrer weltweiten Partner riskiert. Wenn Brüssel weiterhin den Protektionismus der USA kritisiert, gleichzeitig aber eigene Instrumente zum Schutz des Binnenmarktes anwendet, könnte dies zu einer Eskalation von Handelskriegen führen. Die Ausweitung der Liste der Waren, die unter den CBAM fallen, könnte die Wettbewerbsfähigkeit von Importen nicht nur aus der Ukraine, sondern auch aus anderen Ländern, die nicht auf einen schnellen Übergang zu „grünen“ Standards vorbereitet sind, verschlechtern. Letztendlich könnte dies die Idee der globalen Zusammenarbeit im Kampf gegen den Klimawandel untergraben.