In der ukrainischen Verteidigungsbranche hat sich eine Debatte darüber entfaltet, ob der neue Verteidigungsminister Jewhen Chmara in der Lage ist, die systemische Transformation des Ressorts fortzuführen, die sein Vorgänger Mychajlo Fedorow eingeleitet hatte. Der Leiter des Verteidigungsunternehmens Trident Group, Jurij Gumenjuk, äußerte in einem Kommentar für RBC-Ukraine, der dem ersten Monat Chmaras im Amt gewidmet war, Zweifel daran, dass der neue Verteidigungsminister es schaffen und bereit sein wird, die Reform in derselben Richtung weiterzuführen. Seiner Einschätzung nach besteht die Schlüsselkompetenz eines Top-Managers dieser Ebene darin, die richtigen Menschen für Führungspositionen auszuwählen; genau diese Fähigkeit, so Gumenjuk, bestimmt den Erfolg der Umstrukturierung des Systems.

Bewertung aus der Branche: «Nicht bereit für die Herausforderung»

Gumenjuk betonte, dass Fedorow «bewusst darauf hingearbeitet habe, das alte System sowjetischen, korrupten Zuschnitts nach einem neuen Muster umzubauen – einem, das auf Daten gestützt, ergebnisorientiert, effizient, funktionsfähig und frei von Lobbyismus und Einflüssen sei». In seiner Beschreibung handelte es sich um die Vision eines «hochorganisierten, innovativen und äußerst dynamischen Systems», das der Ukraine den Sieg im modernen Krieg sichern solle. Dabei erklärte der Leiter von Trident Group offen: «Bei aller Achtung vor Herrn Chmara ist er dieser Herausforderung nicht annähernd gewachsen. Er ist ein außergewöhnlicher Offizier und Organisator, der im Rahmen seiner Tätigkeit in der Einheit „Alfa“ gut mit den modernen Herausforderungen und Technologien vertraut ist. Aber um das alte System zu verändern – dafür reicht das nicht».

Was, so Gumenjuk, für die Reform erforderlich ist

Den Einschätzungen Gumenjuks zufolge sind für die Fortsetzung der Transformation eine klare Vision, eine sorgfältig durchdachte Strategie, ein tiefes Verständnis des Umfelds, ein für diese Aufgabe geformtes Rückgrat des Teams sowie ein ausreichendes Maß an Eigeninitiative erforderlich. «Herr Chmara verfügt nicht über diese Elemente, nicht weil er ein schlechter Fachmann ist, sondern weil er sich nicht auf diese Aufgabe vorbereitet hat. Und ich sage nicht, dass er sich nicht vorbereiten könnte – es würde einfach viel Zeit in Anspruch nehmen, die nicht vorhanden ist», erläuterte der Leiter von Trident Group. Die Kritik richtet sich nach seiner Formulierung also nicht gegen die Person des Ministers, sondern gegen den Mangel an Zeit und an Vorbereitung auf eine konkrete Führungsaufgabe.

Analogie zur «Matrix» und ein alternativer Weg

Gleichwohl räumte Gumenjuk ein, dass die Tatsache, dass Chmara die Reformen Fedorows voraussichtlich nicht fortsetzen könne, «nicht bedeute, dass er nicht auf andere Weise effizient sein könnte». Seine Gedanken illustrierte er mit einem Verweis auf den Film «Matrix»: «Hier erinnert mich die Situation ein wenig an den Besuch von Neo beim Orakel – dass das Orakel in Neo nicht den Auserwählten sah, bedeutet nicht, dass er nicht zum Auserwählten werden kann – alles hängt von ihm ab». Diese Formulierung lässt Raum dafür, dass der neue Minister ein eigenes, vom fedorowschen Modell abweichendes Arbeitsformat des Ressorts findet.

Kontext der Ernennung und Führungswechsel beim AZO

Jewhen Chmara übernahm am 19. August 2026 die Leitung des Verteidigungsministeriums und kam mit einer militärischen Laufbahn in das Amt: Vor seiner Ernennung leitete er seit August 2025 das Sonderoperationszentrum «Alfa» des SBU und übernahm im Januar 2026 vorübergehend die Geschäfte des SBU-Chefs. Seine Ernennung folgte auf den Rücktritt des bisherigen Ministers Mychajlo Fedorow. Zusätzlichen Kontext schuf im September 2026 die Lage um die Agentur für Verteidigungseinkäufe (AZO): Die Führung des AZO wechselte nahezu gleichzeitig mit dem Wechsel des Verteidigungsministers, und nach Einschätzung der Marktteilnehmer erschwert diese Koinzidenz die Koordination der Beschaffungsprozesse in der Verteidigungsindustrie.

Widersprüchliche Daten

Die öffentliche Bewertung des neuen Ministers in branchenbezogenen und gesellschaftlichen Medien ist in zwei entgegengesetzte Linien gespalten. Auf der einen Seite zeichnet der Beitrag von RBC-Ukraine, der sich auf die Aussagen von Jurij Gumenjuk stützt, ein Bild, in dem Chmara aufgrund des Mangels an Zeit, Strategie und einem geformten Team «nicht annähernd bereit» ist, die fedorowsche Reform fortzusetzen. Auf der anderen Seite vertritt das Blatt «KP» in der Schlagzeile und in der Aufmachung des Beitrags eine direkt entgegengesetzte Position und behauptet, Chmara sei ein «vielseitiger Verteidigungsminister», der «mehr kann als Mychajlo Fedorow». So wird dieselbe Figur des neuen Verteidigungsministers im Medienfeld sowohl als für eine systemische Reform unvorbereiteter Manager als auch als universellerer Anführer als sein Vorgänger bewertet. Diese beiden Ansichten sind in ihren Schlussfolgerungen unvereinbar und werden im Artikel als konkurrierende Bewertungen und nicht als ein einziger Fakt dargestellt.