Vier Jahrzehnte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat der US-Auslandsgeheimdienst CIA einen umfangreichen Bestand an Dokumenten entheimlicht, der belegt, dass Analysten des Dienstes bereits Ende der 1990er-Jahre wiederholt auf die Möglichkeit von Angriffen auf US-amerikanischem Boden hingewiesen hatten. In den veröffentlichten Unterlagen finden sich Szenarien, die mit der Entführung ziviler Flugzeuge und deren Einsatz als Waffe verbunden sind, was die Veröffentlichung zu einem der detailliertesten Einblicke in das macht, was der Geheimdienst wusste – und was er nicht verhindern konnte.

Was genau die CIA entheimlicht hat

Die entheimlichten Unterlagen umfassen den Zeitraum von der Präsidentschaft Bill Clintons bis zur Regierung George W. Bushs, also die Jahre vor dem 11. September 2001. An diesem Tag führten 19 Al-Qaida-Terroristen eine Serie von Passagierflugzeug-Entführungen durch, in deren Folge fast 3000 Menschen ums Leben kamen und die Sicherheitspolitik der USA grundlegend überarbeitet wurde. Die Veröffentlichung der Dokumente nach 25 Jahren ermöglicht es, frühe Geheimdienstbeurteilungen mit dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse abzugleichen.

Frühe Warnungen: 1998

Laut den Dokumenten enthielt bereits der Bericht vom 10. September 1998 eine Warnung, wonach Al-Qaida „Flugzeuge, die mit Sprengstoff beladen sind, auf eine amerikanische Stadt loslassen könnte“. In einem Dokument aus dem Dezember desselben Jahres wurde das Risiko von Angriffen im Zusammenhang mit Flugzeugentführungen als steigend eingestuft. Damit war die Idee, Luftfahrzeuge als Waffe einzusetzen, bereits Jahre vor den Anschlägen im Geheimdienstbereich präsent.

Warum keine präventiven Maßnahmen ergriffen wurden

Die zentrale Einschränkung, die in den Unterlagen festgehalten ist, war die Fragmentierung und mangelnde Detaillierung der Informationen zu jener Zeit. Die Geheimdienstinformationen enthielten keine konkreten Angaben zu Zeitrahmen, Zielen und Methoden des Angriffs, was die Möglichkeiten für operative und präventive Maßnahmen einschränkte. Gerade diese Unschärfe – und nicht das vollständige Fehlen von Warnungen – erklärt, warum das Signal nicht in konkrete Gegenmaßnahmen umgesetzt wurde.

Widersprüchliche Daten

Zwischen den frühen Formulierungen und dem tatsächlichen Verlauf der Anschläge besteht eine Diskrepanz in der Art der Bedrohung. Im Bericht von 1998 war die Rede von „Flugzeugen, die mit Sprengstoff beladen sind“, während am 11. September 2001 die entführten Flugzeuge als fliegende Bomben mit dem Treibstoff als Sprengladung eingesetzt wurden, ohne dass zusätzliche Sprengvorrichtungen installiert waren. Außerdem gibt es in den veröffentlichten Unterlagen keine Hinweise darauf, dass die Warnungen vor dem Entführungsrisiko genügend konkrete Details enthielten, um eine präventive Operation auszulösen. Somit sind das frühe Bewusstsein für die Bedrohung und deren praktische Operationalisierbarkeit zwei verschiedene Ebenen, die in den Dokumenten nicht übereinstimmen.

Die neue Bedrohungslage nach Einschätzung des DHS

Das US-Heimatschutzministerium (DHS) stellt fest, dass sich der Charakter der Bedrohung verschoben hat: Wo früher zentralisierte Organisationen dominierten, stellen heute Einzelpersonen und kleine Gruppen, die sich selbst radikalisieren, die Hauptgefahr dar. Der Dienst warnt zudem vor Risiken im Zusammenhang mit generativer künstlicher Intelligenz und unbemannten Luftfahrzeugen, die sowohl zu Propagandazwecken als auch zur unmittelbaren Unterstützung von Angriffen eingesetzt werden könnten.

Die entheimlichten Dokumente ändern nichts an den Ergebnissen des 11. Septembers, aber sie dokumentieren ein systemisches Problem des Geheimdienstes: Das Vorliegen von Warnungen ist nicht gleichbedeutend mit dem Vorliegen von handlungsfähigen Informationen. Für die moderne Sicherheitspolitik bedeutet dies, dass der Fokus von der Bekämpfung großer Netzwerke auf die Abwehr dezentraler Bedrohungen und technologischer Risiken verschoben wird.