Zum 35. Jubiläum der Unabhängigkeit der Ukraine hat die gemeinnützige Organisation Ukraine WOW gemeinsam mit dem Nationalen Museum der Geschichte der Ukraine eine der ältesten Glocken des Landes nachgebaut – die Glocke der Deсятinna-Kirche, die Ende des 10. Jahrhunderts das Fundament des steinernen Kirchenbaus in Rus legte. Dank einer Kombination aus 3D-Scanning, Röntgenfluoreszenzanalyse, akustischer Modellierung und dem Guss in einer der führenden Glockengießereien der Welt gelang es einem Team von Spezialisten aus vier Ländern nicht nur, die Form des Artefakts wiederherzustellen, sondern auch seinen Ton, der fast acht Jahrhunderte lang nicht erklungen war. Erstmals erklang die rekonstruierte Glocke am 23. August 2026 beim Nationalen Gebetsfrühstück der Ukraine.
Die Reliquie, die 1937 entdeckt wurde
Die Deсятinna-Kirche wurde von Fürst Wladimir dem Großen Ende des 10. Jahrhunderts gegründet. Der Tempel wurde das erste steinerne Bauwerk dieser Art in Rus, und seine Glocken riefen die Kiewer zu Gottesdiensten, verkündeten Feste, Bedrohungen und wichtige Ereignisse. Im Jahr 1240, während des mongolischen Einfalls, wurde die Kirche zerstört und die Glocke ging verloren. Ein Fragment des Artefakts wurde erst 1937 während archäologischer Ausgrabungen vom ukrainischen Wissenschaftler Theodosij Moltschanowski (in einigen Publikationen – Mowtschanowski) entdeckt. Bis heute sind etwa 60 % der Glockenoberfläche erhalten geblieben, der Zungenmechanismus und die Befestigungselemente haben jedoch nicht überlebt. Seit der Fundentdeckung wurde das Fragment in der Sammlung des Nationalen Museums der Geschichte der Ukraine aufbewahrt. Die tragische Schicksal des Archäologen selbst – seine Verhaftung aufgrund erfundener Vorwürfe und seine Erschießung im Jahr 1938 – wurde zu einem eigenständigen Teil der Erzählung des Projekts: „Heute erklingt sein Name wieder zusammen mit diesem Klang“, betonte die Museumsdirektorin Jelena Semljana.
Vom 3D-Scan zum digitalen Zwilling
Im Frühjahr 2026 wurde das erhaltene Fragment zur Grundlage für eine vollständige Rekonstruktion. Der erste Schritt war ein berührungsloses 3D-Scanning, das die Geometrie und alle Details der Oberfläche des Originals festhielt. Anschließend bestimmten die Forscher mithilfe der Röntgenfluoreszenzanalyse die chemische Zusammensetzung der Bronze. Auf Basis der gewonnenen Daten, der Form des erhaltenen Teils und historischer Analogien wurde ein vollständiges digitales Modell der Glocke erstellt. Im nächsten Schritt führten die Ingenieure eine computergestützte Simulation durch: Sie berechneten das Verhalten des Metalls bei einem Schlag und modellierten die Ausbreitung der Schwingungen. Die akustische Synthese ermöglichte es dem Team, den ungefähren Klang der zukünftigen Glocke noch vor ihrer physischen Herstellung zu hören.
Internationales Team und deutsche Archive
Das Projekt vereinte Historiker, Archäologen, Ingenieure, Akustiker und Gussmeister aus der Ukraine, Deutschland, den Niederlanden und Portugal. Deutsche Glockenmuseen wurden zur Schlüsselquelle für den Aufbau der Zungen: Das Westfälische Glockenmuseum in Geseke stellte Materialien zu Zungen des 9. bis 13. Jahrhunderts bereit, und das GlockenStadtMuseum in Apolda – 3D-Scans erhaltener Zungen des 13. bis 14. Jahrhunderts. Ein zusätzliches Referenzartefakt war ein Fragment der Krone einer altrussischen Glocke aus Sachnowka in der Oblast Tscherkassy, das ebenfalls im Nationalen Museum der Geschichte der Ukraine aufbewahrt wird. Projektkonsultant war der portugiesische Glockenexperte Miguel Carvalho, der betonte, dass das erhaltene Fragment eine „außergewöhnlich seltene Informationsquelle über Form, Herstellungstechnologie und Metall einer antiken Glocke“ darstelle.
Guss in den Niederlanden und das Endergebnis
Der finale Guss wurde in den Niederlanden bei Royal Eijsbouts ausgeführt – einem der weltweit führenden Zentren der Glockenherstellung, wo unter anderem Glocken für die Kathedrale Notre-Dame de Paris und andere historische Kirchen Europas gefertigt wurden. Das Ergebnis war eine rekonstruierte Kopie mit einem Gewicht von 87,5 kg, deren Legierungszusammensetzung dem mittelalterlichen Original so nahe wie möglich kommt. Nach Einschätzung von Miguel Carvalho liegt der Hauptwert des Projekts darin, den Klang zurückzugeben, den die Bewohner des mittelalterlichen Kiew hören konnten: „Dies ist der nächstmögliche Klang einer Glocke, die fast 800 Jahre lang geschwiegen hat“.
Widersprüchliche Angaben
Im Pressecommuniqué von Ukraine WOW heißt es, das Projekt sei „ohne staatliche Finanzierung, unterstützt von Kyivstar und Farmak“ realisiert worden. Gleichzeitig wird in derselben Mitteilung angegeben, dass die Arbeit „unterstützt vom Kulturministerium der Ukraine“ erfolgte. Diese Formulierungen erzeugen eine Zweideutigkeit: Wenn das Kulturministerium ein staatliches Organ ist, kann seine „Unterstützung“ als institutionelle Förderung (Zugang zum Artefakt, expertische Begleitung, Standort) und nicht als direkte Budgetfinanzierung interpretiert werden. Eine klare Abgrenzung zwischen diesen Unterstützungsformen wird in den veröffentlichten Materialien jedoch nicht vorgenommen. Außerdem wird der Name des entdeckenden Archäologen im Quelltext in zwei Schreibweisen genannt – „Moltschanowski“ und „Mowtschanowski“ –, was ohne Rückgriff auf Archivdokumente keine eindeutige Festlegung des korrekten Nachnamens erlaubt.
Präsentation und Miniaturen
Der wiederhergestellte Klang der Glocke wurde der Öffentlichkeit am 23. August 2026 beim Nationalen Gebetsfrühstück der Ukraine vorgestellt. Neben der Hauptrekonstruktion fertigte das Projektteam 20 Miniaturen der Glocke an; deren weitere Verwendung wird in den bereitgestellten Materialien nicht vollständig erläutert. Die Mitbegründerinnen von Ukraine WOW, Jaroslawa Hres und Julija Solowjow, betonten, dass die Entscheidung, die Glocke „eins zu eins – nicht nur die Form, sondern auch den Klang“ wiederherzustellen, nach der Bekanntschaft mit dem Fragment in der Museumssammlung und dem Verständnis seiner Bedeutung als „Zeugnis der Kontinuität der ukrainischen Staatlichkeit“ getroffen wurde.