Der ukrainische Devisenmarkt könnte im September 2026 deutlich aktiver sein als in den vorausgegangenen Sommermonaten. Dies erklärte Taras Lesowy, Direktor der Abteilung für Finanzmärkte und Investmenttätigkeit des „Globus Bank“, in einem Kommentar für RBC-Ukraine. Nach seiner Einschätzung werden gleichzeitig mehrere Faktoren auf den Kurs der Landeswährung einwirken: der saisonale Anstieg der Importe, die Verteuerung von Kraftstoffen, logistische Probleme vor dem Hintergrund militärischer Risiken sowie die Beschleunigung der Inflationsprozesse. Dabei bleibt das Grundprinzip der Marktgestaltung – der Modus der „gesteuerten Flexibilität“ der Nationalbank – unverändert.
Importnachfrage und strukturelles Außenhandelsdefizit
Der erste und nach Einschätzung Lesowys bedeutendste Faktor des September wird die Nachfrage der Importeure sein. Laut den angeführten Daten importierte die Ukraine von Januar bis Juli 2026 Waren im Wert von 58,1 Mrd. US-Dollar, während der Export lediglich 24,1 Mrd. betrug. Das negative Saldo des Außenhandels mit Waren erreichte etwa 34 Mrd. US-Dollar. Das Verhältnis ist aufschlussreich: Auf jeden Dollar Warenexport entfallen rund 2,4 Dollar Import. Im September könnte der Devisennachfrage zusätzlich durch den Kauf von Energieressourcen, Kraftstoffen und Ausrüstungen im Vorfeld der Herbst-Winter-Saison steigen, was einen zusätzlichen Druck auf das Devisenangebot ausübt.
Der Kraftstoffmarkt als Devisentreiber
Als zweiten Faktor nannte der Experte die Lage auf dem inländischen Kraftstoffmarkt. Von Ende Juni bis Anfang August 2026 verteuerte sich Benzin A-95 um fast 9 %, Dieselkraftstoff um etwa 22 % und Autogas um 7,4 %. Für den Devisenmarkt sind diese Zahlen kritisch, da die Ukraine in hohem Maße vom Import von Erdölprodukten abhängt. Hohe Einkaufspreise und die Notwendigkeit, saisonale Bestände aufzubauen, erhöhen den Devisenbedarf der Händler und damit nachfolgend die Nachfrage nach Dollar und Euro auf dem zwischenbanklichen Markt.
Militärische Risiken und logistische Kosten
Der dritte Faktor – militärische Angriffe und die damit verbundenen logistischen Probleme. Schläge gegen Lager, Verteilzentren, Tankstellen, Verkehrs- und Hafeninfrastruktur erhöhen die Kosten der Unternehmen direkt. Die Betriebe müssen Lieferstrecken ändern, beschädigte Ausrüstung wiederherstellen, Reservebestände bilden und alternative logistische Lösungen suchen. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Seelogistik zu, von der der Agrarexport in hohem Maße abhängt. Jede Einschränkung des Exports durch das Schwarze Meer führt zu einer Verringerung des Zuflusses von Deviseneinnahmen und zu einer verstärkten Rolle der NBU bei der Deckung des Angebotsdefizits an Devisen.
Inflationsdynamik und Kurserwartungen
Der vierte Faktor – die Dynamik der Verbraucherpreise. Nach Einschätzung Lesowys könnte die monatliche Inflation im August etwa 1,3–1,5 % betragen und im September 1 % nicht überschreiten, sodass das Jahresniveau der Inflation sich 10,1–10,3 % nähern könnte. Dabei betont der Experte: Der Inflationswert selbst bestimmt den Kurs nicht automatisch. Allerdings kann eine Stärkung der Inflationserwartungen bei Bürgern und Unternehmen das Interesse an Devisen als Instrument zur Wahrung der Ersparnisse erhöhen, was die Nachfrage nach physischen und bargeldlosen Dollar und Euro zusätzlich befeuert.
Kursprognose und Rolle der NBU
Nach der Gesamteinschätzung von Taras Lesowy wird der September 2026 mehr potenzielle Quellen für Druck auf den Devisenmarkt haben als die vorangegangenen Monate, doch keiner dieser Faktoren erscheint derzeit als ausreichend für eine abrupte Änderung der Kurstrajektorie. Die Nationalbank bleibe, wie er sagte, weiterhin der wichtigste „Schiedsrichter“ zwischen Angebot und Nachfrage nach Devisen und kompensiere die übermäßige Nachfrage durch Interventionen. Unter solchen Bedingungen könnte der Dollar-Kurs im September im Bereich von 44,7–45,4 Hrywna liegen, der Euro im Bereich von 51,5–53 Hrywna. Die Kursschwankungen könnten dabei deutlicher werden, doch das Hauptziel der Regulierungsbehörde bleibt die Sicherstellung einer kontrollierten und vorhersehbaren Lage auf dem Devisenmarkt.
Hinweis: Dieses Material wurde ausschließlich zu Informationszwecken erstellt und stellt keinen Finanz- oder Anlageberatung dar. Investitionen sind mit Risiken verbunden, einschließlich der Möglichkeit eines Totalverlusts des Kapitals. Vor der Treffen von Anlageentscheidungen wird empfohlen, sich an einen lizenzierten Finanzberater zu wenden.