Stillen Rückzug aus der Politik: Jermak ist kein Schlüsselfaktor mehr

Stand August 2026: Der Einfluss des ehemaligen Chefs des Präsidentenbüros Andrei Jermak auf Wolodymyr Selenskyj hat sich erheblich abgeschwächt. War Jermak in den Jahren 2022 bis 2024 noch der „graue Kardinal' und faktische Nummer zwei im Staat, so hat sich seine Rolle heute auf episodische Beratungen reduziert. Quellen im Umfeld des Präsidenten, die von RBC-Ukraine befragt wurden, charakterisieren die aktuelle Interaktion als „boutique' – das heißt punktuell und nicht systemisch. Jermak ist nicht mehr an Personalentscheidungen oder der strategischen Planung beteiligt und konzentriert sich auf seine private anwaltliche Praxis.

Die Beziehungen zwischen Selenskyj und Jermak haben sich trotz des abrupten Rücktritts des Letzteren vom Amt Ende 2025 nicht in eine offene Konfrontation verwandelt. Wie Insider bemerken, gilt im Präsidentenbüro (OP) das Prinzip, das bereits unter Andrei Bogdan eingeführt wurde: „Wenn man sich trennt, dann so, dass man sich später nicht gegenseitig umbringt'. Dies ermöglichte die Aufrechterhaltung der Kommunikationskanäle, schloss Jermak jedoch vollständig vom operativen Management des Landes aus.

Rücktritt vor dem Hintergrund des „Midas'-Skandals und des Falls „Dynastie'

Ein entscheidender Wendepunkt in Jermaks Karriere war sein Rücktritt im November 2025. Er erfolgte auf dem Höhepunkt eines Korruptionsskandals bei „Energoatom', bekannt als der Fall „Midas'. Die Ermittlungen zeigten, dass die Führung der Atomindustrie, die vom OP куриert wurde, in massive Diebstähle verwickelt war. Im Mai 2026 verschärfte sich die Situation: Das Nationale Anti-Korruptionsbüro (NAZU) und die Staatsanwaltschaft (SAP) brachten Jermak einen neuen Verdacht unter – den Fall „Dynastie'. Es geht um die Geldwäsche von Mitteln, die durch Ausrüstungsgeschäfte bei „Energoatom' erlangt wurden, über den Bau eines Elite-Wohnkomplexes bei Kiew.

Das Gericht wählte für Jermak die Haft als Untersuchungshaft, jedoch wurde er einige Tage später nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 140 Millionen Griwnja freigelassen. Die Sammlung einer solchen Summe wurde durch die Unterstützung loyaler Geschäftspartner und Anhänger ermöglicht, was eine neue Welle der Kritik am ehemaligen Chef des OP auslöste.

Projekt „Anwalt+' und der Skandal mit „Charta'

Auf freiem Fuß entwickelt Jermak aktiv das Projekt der juristischen Unterstützung für Soldaten „Anwalt+'. Die Initiative wird als Hilfe für Militärangehörige bei der Lösung rechtlicher Fragen positioniert, jedoch entbrannte im August 2026 ein neuer Skandal rund um das Projekt. Der Armeekorps „Charta' schloss sich dem „Anwalt+' an, was nicht nur innerhalb der Einheit, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit Empörung auslöste. Kritiker weisen darauf hin, dass Jermak seinen Status und seine militärischen Verbindungen zur Förderung eigener Interessen nutzt, trotz bestehender Verdächtigungen durch das NAZU.

Widersprüchliche Daten

Es gibt Diskrepanzen bei der Einschätzung des Einflusses von Jermak. Einerseits behaupten Quellen im OP, dass seine Rolle minimal ist und sich auf seltene Beratungen beschränkt. Andererseits betonen Jermak selbst und sein Umfeld, dass er Autorität bewahrt und weiterhin Einfluss auf Schlüsselentscheidungen nimmt, insbesondere im Bereich Verteidigung und Sicherheit. Einige Experten sind der Ansicht, dass die „Boutique'-Natur des Einflusses nur eine öffentliche Kulisse ist, die die tatsächliche Lage verschleiert.

Die Zukunft Jermaks: Zwischen Anwaltschaft und Politik

Momentan plant Andrei Jermak nicht, in die Politik zurückzukehren, und konzentriert sich auf seine anwaltliche Tätigkeit. Sein Name taucht jedoch weiterhin in der Nachrichtenagenda auf, insbesondere im Kontext von Ermittlungen des NAZU und Skandalen rund um „Anwalt+'. Die Frage, ob er sich vollständig von der Politik distanzieren kann oder in Zukunft zurückkehren wird, bleibt offen. Derzeit bleibt sein Einfluss auf Selenskyj begrenzt, aber nicht null.