Angesichts massierter Drohnenangriffe beschränkt sich die Frage des Schutzes von Hinterland- und Frontstädten immer häufiger nicht nur auf den physischen Abschuss von Drohnen, sondern auch auf die Unterdrückung ihrer Navigation. In einem Beitrag von RBC-Ukraine erklärte Mitgründer des Unternehmens Contra-Drone Timofei Jurkow, wie genau Mittel der elektronischen Störmaßnahmen (ESM) die Ballistik von „Scheheds“, Drohnenraketen „Bandierol“ und Lenkflugkörpern (KAB) beeinflussen, und warum im modernen Konflikt es wichtiger ist, dem Ziel die Möglichkeit zu nehmen, präzise auf das programmierte Objekt zu treffen, als jedes Ziel abzuschießen. Seiner Ansicht nach kann man ESM mit einer „unsichtbaren Rakete“ im Rahmen eines Luftabwehrsystems vergleichen: Sie wirkt auf das Ziel ein, ohne es physisch zu zerstören.
Falschziele und die „unsichtbare Rakete“ der ESM
Das zentrale Problem massierter Angriffe ist nach Einschätzung von Jurkow die große Anzahl falscher Ziele. Auf hundert echte „Scheheds“ können, so seine Angaben, bis zu 200 Falschdrohnen entfallen, die eingesetzt werden, um die ukrainische Luftabwehr abzulenken und teure Abschussmittel zu verbrauchen. Dabei, so betont der Experte, müssen solche Ziele nicht zwingend zerstört werden: Wenn sie mit einem günstigeren und weniger geschützten Navigationssystem ausgestattet sind, können sie einfach mit Hilfe von Störmitteln vom programmierten Kurs abgelenkt werden. „Man muss sie erkennen können, aber nicht zwingend abschießen. Man kann sie einfach durch den effektiven Einsatz von ESM ablenken“, erklärte Jurkow. Somit kann ESM verhindern, dass sie ihr Ziel präzise erreichen, selbst wenn die klassische Luftabwehr nicht in der Lage ist, alle Drohnen abzufangen.
Ablenkungsabweichung und Wetterabhängigkeit
Die Effektivität der Ablenkung hängt direkt von den meteorologischen Bedingungen ab. Laut Jurkow kann die Zielabweichung unter schlechtesten Bedingungen 200–300 Meter betragen und in Einzelfällen 500–600 Meter erreichen. Unter günstigen Bedingungen reduziert sich dieser Wert auf etwa 20–40 Meter. Das bedeutet, dass ESM keinen „Null-Fehlschuss“ garantiert, aber die Wahrscheinlichkeit eines Treffers auf ein kritisch wichtiges Objekt erheblich senkt und einen Präzisionsschlag in einen Fehlschuss um mehrere hundert Meter verwandelt. Aus diesem Grund wird die Unterdrückung der Navigation, so die Meinung des Experten, zu einem eigenständigen und wirtschaftlich gerechtfertigten Element der Verteidigung und nicht nur zu einer Ergänzung zum physischen Abschuss.
Unterschiedlicher Schutz für Frontstädte und Großstädte
Jurkow betont, dass der Ansatz zum Schutz von Frontstädten und großen Zentren in der Mitte, im Süden und im Westen der Ukraine grundlegend unterschiedlich sein sollte. Für die Frontzone schlägt er vor, eine große Anzahl kleiner Systeme, persönlicher Detektoren und Störmittel für jede Einheit der militärischen und anderen Technik sowie separate Mittel zur Fernerkennung und Unterdrückung einzusetzen, damit die Drohnen noch auf der feindlichen Seite die Möglichkeit verlieren, ihre Aufgabe zu erfüllen. „Das sollten kleine Systeme sein, aber es muss eine große Anzahl davon geben“, bemerkte er. Für Großstädte ist dagegen eine leistungsfähigere und gut vor der Aufklärung getarnte Infrastruktur zulässig; einen persönlichen Detektor für Videosignale für jeden Einwohner auszustatten oder ein mobiles Störsystem auf jedes Fahrzeug zu installieren, hält er für nicht zweckmäßig, da nicht alle Drohnentypen in die zentralen und westlichen Regionen fliegen können.
Die Kriegswirtschaft als Verteidigungsfaktor
Einen besonderen Akzent legt der Experte auf die wirtschaftliche Logik des Schutzes. Der Einsatz vieler günstiger Radaranlagen mit kleinerer Reichweite erschwert dem Gegner die Wahl der Waffe zu ihrer Zerstörung: Der Einsatz einer ballistischen Rakete oder eines Lenkflugkörpers gegen ein billiges Radar ist wirtschaftlich nicht gerechtfertigt. „Die Kriegswirtschaft muss zu unseren Gunsten bleiben. Selbst wenn der Gegner Raketen im Wert von Millionen Dollar gegen ESM im Wert von Zehntausenden oder gegen ein Radar im Wert von hundert, zweihundert oder dreihundert [Dollar] einsetzt, bleibt die Wirtschaft zu unseren Gunsten“, sagt Jurkow. Somit basiert die Strategie darauf, dass jeder gegnerische Schlag gegen Verteidigungsmittel ihm teurer zu stehen kommt als der potenzielle Effekt dieses Schlages.