Dem Urteil des Europäischen Rechnungshofs zufolge kommt die Europäische Union mit ihrem eigenen Plan zum Ausstieg aus russischem Öl und Gas nicht zurecht. Die Prüfer wiesen darauf hin, dass die Mitgliedstaaten zu wenig in die Diversifizierung der Lieferquellen, in erneuerbare Energien und in den Ausbau der Stromnetze investieren, und forderten die Europäische Kommission auf, die Umsetzung des Programms stärker zu kontrollieren. Ihren Worten zufolge „stößt“ der Prozess der Loslösung von russischen Energieträgern gerade in dem Moment auf Schwierigkeiten, in dem die Energiesicherheit Europas aufgrund der Lage im Nahen Osten erneut unter Druck gerate.

Kontext: von 45 % auf 12 % und Seerohöl

Nach Beginn des großangelegten russischen Einmarschs in die Ukraine hatte die EU den Import russischer Energieträger schrittweise reduziert. Das Sanktionspaket beendete praktisch die Seetransporte von russischem Rohöl, und der Anteil Russlands am Gasimport des Blocks fiel laut den im Bericht genannten Daten von 45 % auf 12 %. Die Prüfer betonen dabei: Ein erheblicher Teil dieser Reduktion war weniger das Ergebnis gezielter politischer Maßnahmen als vielmehr das Ergebnis günstiger Umstände – milder Witterung und hoher Energiepreise, die den Verbrauch von sich aus senkten.

Winterliches Risiko: 67 % gegenüber 80 %

Eines der drängenden Probleme, so die Prüfer, ist die Befüllung der Gasspeicher vor dem Winter. Derzeit sind die Speicher zu etwa 67 % gefüllt, während der Wert zu diesem Zeitpunkt im Vorjahr fast 80 % betrug. Analysten warnen, dass diese Lücke zu plötzlichen Preissprüngen für Gas in der Heizsaison führen kann. Ein zusätzliches Risikofaktor ist das für den 1. Januar 2027 geplante vollständige Verbot des Imports russischen verflüssigten Erdgases (LNG), das die ohnehin begrenzten Lieferkanäle weiter einschränken würde.

Investitionsrückstand: 300 Mrd. gegenüber 54,3 Mrd. Euro

Die Europäische Kommission hatte den Investitionsbedarf für einen vollständigen Ausstieg aus russischen Energieträgern ursprünglich auf rund 300 Mrd. Euro geschätzt, die aus dem EU-Budget aufgebracht werden sollten. Bis heute haben sich die Mitgliedstaaten jedoch nur zu 54,3 Mrd. Euro verpflichtet. Die Prüfer merken an, dass diese Lücke entweder darauf hindeutet, dass die ursprüngliche Bedarfschätzung überhöht oder falsch war, oder darauf, dass die Mitgliedstaaten die geplanten Maßnahmen nicht angemessen umsetzen können. Dies stellt im Grunde die Umsetzbarkeit des Programms innerhalb der angesetzten Fristen in Frage.

Widersprüchliche Daten

Hier weichen die Positionen der beiden Seiten deutlich voneinander ab. Der Europäische Rechnungshof behauptet, das Programm „hänge fest“: Die Speicher seien nur zu 67 % gefüllt gegenüber 80 % ein Jahr zuvor, die Investitionen deckten weniger als ein Fünftel der ursprünglichen Schätzung (54,3 Mrd. von 300 Mrd. Euro), und die Verringerung der Abhängigkeit von russischem Gas sei weitgehend nicht der Politik, sondern der milden Witterung und dem teuren Gas geschuldet. Die Europäische Kommission ihrerseits erklärt, die Maßnahmen und die Finanzierung der EU hätten die Entwicklung der erneuerbaren Energien bereits beschleunigt und zu einem starken Rückgang des Imports russischen Gases geführt, und verspricht, die Empfehlungen der Prüfer „berücksichtigen“ zu wollen. So sieht eine Seite einen systematischen Zusammenbruch der Wintervorbereitung und eine Unterfinanzierung, die andere einen bestätigten Fortschritt, der lediglich nachjustiert werden müsse. Die unterschiedliche Auslegung derselben Zahlen (67 % Befüllung, 54,3 Mrd. Euro Verpflichtungen) macht die Bewertung des tatsächlichen Zustands des Energiesystems umstritten.

Politischer Hintergrund und wer sonst noch Widerstand leistet

Schon im vergangenen Jahr hatte die EU öffentlich erklärt, sie werde schrittweise auf russische fossile Brennstoffe verzichten, wie dies unter anderem der US-Präsident Donald Trump gefordert hatte. Damals leisteten Ungarn und die Slowakei den auffälligsten Widerstand. Wie die Prüfer jedoch feststellen, hat sich bis heute herausgestellt, dass diese bei Weitem nicht die einzigen Länder sind, denen der Verzicht auf russische Energieträger schwerfällt. Die Empfehlung der Europäischen Kommission, die Umsetzung des Plans stärker zu kontrollieren, ist de facto ein Eingeständnis, dass die interne Koordination des Blocks ohne externen Prüfdruck nicht ausreichend effektiv funktioniert.