Der europäische Energiemarkt tritt in die Heizsaison mit Sorge ein. Laut Daten der letzten Augustwoche 2026 sind die unterirdischen Gasspeicher der EU lediglich zu 63 % gefüllt, während der Durchschnittswert für Ende August in den Vorjahren bei rund 80 % lag. Analysten sprechen bereits von einer sogenannten „Winterpanik“ unter den Händlern: Das niedrige Vorratsniveau erhöht das Risiko starker Preisschwankungen im Winter, und der Basispreis für Gas in Europa ist in den vergangenen Wochen auf ein Dreijahreshoch gestiegen – über 68 Euro pro Megawattstunde, was mehr als dem Doppelten des Anjahreswerts entspricht.
Vorräte auf einem mehrjährigen Tiefstand
Laut Schätzung des Gasmarkt-Analysten, Professor Greg Mole, wird die Europäische Union bei den aktuellen Füllraten voraussichtlich mit Vorräten in die Heizsaison gehen, die etwa um ein Fünftel unter dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre liegen. Der Experte betont, dass ein niedriger Gasbestand in den Speichern automatisch das Risiko erheblicher Preisschwankungen im Winter erhöht. Die Lage könnte sich verschärfen, falls es kälter wird oder längere Perioden mit schwachem Wind auftreten, in denen der Gasverbrauch steigt und die Erzeugung „grüner“ Energie sinkt.
Widersprüchliche Daten
In Veröffentlichungen verschiedener Medien weichen die Angaben darüber, auf welches Datum sich das aktuelle Tiefstandsniveau bezieht, voneinander ab. Eine Reihe von Quellen (darunter RBC-Ukraine und news.am) beschreibt die Lage als „niedrigstes Vorratsniveau seit 13 Jahren“, also seit 2013, was der Einschätzung von Greg Mole entspricht. Gleichzeitig berichtet Reuters unter Berufung auf eigene Daten, dass die Gasvorräte in der EU auf das niedrigste Niveau seit 2011 gesunken seien, und einige Medien (finance.mail.ru) bezeichnen den aktuellen Wert sogar als „historisches Tief“. Somit wird die Tatsache eines rekordniedrigen Füllstands der Speicher von allen Seiten bestätigt, allerdings stimmen die genauen zeitlichen Referenzpunkte (2011, 2013 oder absolutes Tief) in den öffentlichen Quellen nicht überein, und Leser sollten diese Diskrepanz bei der Interpretation der Zahlen berücksichtigen.
Ursachen des niedrigen Vorratsniveaus
Auf die aktuelle Lage haben gleich mehrere Faktoren Einfluss. Erstens führte ein kaltes Ende des vergangenen Winters zu einer intensiveren Entnahme von Gas aus den Speichern, weshalb diese im Frühjahr von einem niedrigeren Niveau aus aufgefüllt werden mussten. Zweitens stieg während der Hitzewelle im Sommer in Europa die Nachfrage nach Strom, und Gaskraftwerke produzierten mehr Elektrizität als üblich, wodurch zusätzlich Brennstoff verbraucht wurde. Ein weiterer Faktor war der Krieg im Nahen Osten, der die Energieversorgung aus der Region Persischer Golf störte und sich auf die Gasbeschaffung auswirkte. Laut Schätzungen der Analysten von Goldman Sachs könnte der europäische Basispreis ohne Wiederaufnahme des Gasexports aus dem Nahen Osten 100 Euro pro Megawattstunde überschreiten, um ausreichende Mengen an verflüssigtem Erdgas (LNG) zur Deckung der Winternachfrage anzuziehen.
Verwundbarkeit Großbritanniens und Unterschiede zwischen den Ländern
Die niedrigen Gasvorräte in der EU können sich nicht nur innerhalb des Blocks auf die Preise auswirken. Besonders verwundbar gegenüber Marktschwankungen könnte sich Großbritannien erweisen: Das Land ist einer der größten Gasverbraucher Europas, verfügt jedoch über eine der niedrigsten eigenen Speicherkapazitäten und stützt sich in der Regel auf den Pipeline-Import aus Europa sowie auf die Versorgung per Tanker aus den USA und den Ländern des Nahen Ostens. Centrica-Geschäftsführer Chris O’Shea erklärte diese Woche, dass in Großbritannien „nahezu kein Gas in den Speichern“ vor dem Winter lagere. Dabei stellen The Guardian fest, dass Europa für den Winter vorerst keinen physischen Gasengpass erwartet, obwohl die Händler einen weiteren Preisanstieg prognostizieren.
Unterschiede innerhalb der EU und die Position der Ukraine
Besonders schwierig ist die Lage bei den Vorräten in Westeuropa. In Deutschland, das über die größten Gasspeicherkapazitäten Europas verfügt, sind die Speicher etwa zur Hälfte gefüllt. Italien und Polen gelang es hingegen, ihre Speicher zu mehr als 80 % zu füllen, was sie relativ gut gegen Preisschoke schützt. Vor dem Hintergrund der europäischen „Winterpanik“ meldet die Ukraine Bereitschaft für die Heizsaison: Laut Vizepremier und Energieminister Denis Schmyhal wurde für das Basisszenario des Winterverlaufs bereits Gas angesammelt.