Europäische Unternehmen verlassen immer häufiger das etablierte Modell, bei dem die Entscheidung über die Einstellung eines neuen Mitarbeiters isoliert von anderen strategischen Fragen getroffen wurde. Laut Daten des Analysecenters Gremi Personal, auf die sich RBC-Ukraine beruft, werden Digitalisierung und Automatisierung zu einem untrennbaren Bestandteil der Personalpolitik europäischer Unternehmen. Das bedeutet nicht eine massive Kündigungswelle, verändert aber erheblich die Logik bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze: Bevor eine Stelle ausgeschrieben wird, bewertet die Geschäftsführung, ob die entsprechende Funktion an Algorithmen oder digitale Tools übertragen werden kann.
Die neue Formel der Einstellungsentscheidung
„Bei der Entscheidung über die Schaffung einer neuen Stelle bewerten Unternehmen immer häufiger nicht nur den aktuellen operativen Bedarf, sondern auch die Möglichkeiten der Automatisierung, den Einsatz digitaler Tools und die Kompetenzen des Teams. Im Gegenteil steigt der Wert der Qualifikation, die es ermöglicht, effizient in einer Umgebung zu arbeiten, in der Technologien immer mehr Prozesse unterstützen“, erläuterte die Vizepräsidentin von Gremi Personal. Experten zufolge wird die Personalplanung nicht mehr als eigenständiger HR-Prozess betrachtet, sondern als Bestandteil einer breiteren Strategie zur Modernisierung des Unternehmens. Die Qualifikation eines Mitarbeiters, der mit KI-Tools zusammenarbeiten kann, wird wertvoller als eine enge Spezialisierung, die leicht automatisiert werden kann.
Offizielle Statistik: von Piloten zur Integration
Die von Gremi Personal beschriebene Tendenz wird durch offizielle Daten bestätigt. Laut einer Umfrage unter mehr als fünftausend Unternehmen der Eurozone, die von der Europäischen Zentralbank im Juni 2026 veröffentlicht wurde, setzen bereits über 70 % der Unternehmen in irgendeiner Form künstliche Intelligenz ein. Allerdings wenden nur 7 % der Unternehmen KI intensiv an – das heißt, sie haben die Technologie in einen erheblichen Teil ihrer Geschäftsprozesse integriert. Das bedeutet, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen auf der Stufe von Pilotprojekten oder punktueller Einführung steht und nicht von einer systemischen Transformation. Separat berichtet Eurostat, dass im Jahr 2025 20 % der EU-Unternehmen mit 10 oder mehr Beschäftigten KI-Technologien einsetzten – 13,5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Dabei entfallen mehr als die Hälfte dieser Unternehmen auf den Großbetrieb.
Widersprüchliche Daten
Zwischen den offiziellen Quellen gibt es eine deutliche Diskrepanz hinsichtlich des Umfangs der KI-Einführung. Die Europäische Zentralbank registriert im Juni 2026, dass über 70 % der Unternehmen der Eurozone künstliche Intelligenz „bereits einsetzen“. Gleichzeitig weist Eurostat für das Jahr 2025 nur 20 % der EU-Unternehmen mit 10 oder mehr Beschäftigten aus. Der Unterschied von 50 Prozentpunkten kann durch mehrere Faktoren erklärt werden: dem Unterschied im geografischen Umfang (Eurozone gegenüber der gesamten EU), dem Erhebungsjahr (2025 gegenüber 2026), der Umfrage_methodik und wahrscheinlich auch der Definition von „Einsatz“. Die EZB erfasst dem Wortlaut nach jede, auch minimale, Anwendung von KI, während Eurostat möglicherweise ein engeres Kriterium zugrunde legt. Beide Quellen stimmen sich jedoch im Wesentlichen ein: Die intensive Integration von KI in Geschäftsprozesse bleibt die Ausnahme und nicht die Regel.
Die Industrie geht den anderen voraus
Die deutlichsten Veränderungen registriert Gremi Personal in den industriellen Sektoren, insbesondere in denen, die kritisch von der Exportkonjunktur und den Energiekosten abhängen. Gerade industrielle Unternehmen setzen Robotik, die Automatisierung von Produktionslinien und digitale Lösungen zur Steigerung der Produktivität als Erste aktiv ein. Infolgedessen hängt die Einstellungsentscheidung in Fabriken und Produktionsunternehmen immer häufiger nicht nur vom Auftragsvolumen ab, sondern auch davon, welche Funktionen an die Automatisierung übertragen werden können und in welchen Kompetenzen das Team perspektivisch Bedarf haben wird. Für die Beschäftigten bedeutet das, dass sich die Nachfrage in Richtung von Spezialisten verschiebt, die „im Tandem“ mit der Technologie arbeiten, statt mit ihr zu konkurrieren.
Breiterer Kontext: der Arbeitsmarkt in Osteuropa
Die Veränderungen in der Einstellungslogik vor dem Hintergrund der Digitalisierung erfolgen vor dem Hintergrund einer allgemeinen Umverteilung der Einkommen in der Region. Laut Anfang 2026 veröffentlichten Daten betrug der durchschnittliche Bruttolohn in Polen im Februar 2026 9.966 Zloty, wobei das Medianeinkommen – die Hälfte der Beschäftigten verdiente nicht mehr als 7.690 Zloty. Die höchsten Einkommen wurden in den Bergbau- und Digitalsektoren verzeichnet. Gleichzeitig steigen die Gehälter am schnellsten in der Logistik und im Lagerdienst: Im Jahresvergleich stiegen die Einkommen der Beschäftigten in diesen Bereichen um 8,1 %, was über dem Durchschnitt anderer Branchen liegt. Diese Daten bestätigen indirekt, dass gerade die Sektoren, in denen die Automatisierung noch keine kritische Masse erreicht hat, eine hohe Nachfrage nach menschlichen Arbeitskräften aufweisen und entsprechend ein dynamischeres Lohnwachstum aufweisen.