Nach der Scheidung befindet sich eine Frau, die über viele Jahre das Haushaltswesen geführt und die Kinder erzogen hat, häufig in einer finanziell vulnerablen Lage: Ohne ausreichende Versicherungszeiten kann sie nicht auf eine volle Rente hoffen. Wie der Jurist Ruslan Ruschytski in einem Kommentar gegenüber RBC-Ukraine erläuterte, sieht das ukrainische Recht der Ex-Frau jedoch ein ganz konkretes Schutzinstrument vor – den Anspruch auf Unterhalt vom Ex-Mann. Dabei ist zu beachten: Eine gesonderte Zahlung „für die Jahre als Hausfrau“ oder eine Entschädigung für den verlorenen Rentenanspruch ist im Gesetz nicht vorgesehen. Es handelt sich um ein eigenständiges Recht auf Unterhalt, das im Familiengesetzbuch der Ukraine verankert ist.
Rechtsgrundlage: Was sagt das Familiengesetzbuch
Der zentrale Rechtsakt ist hier Artikel 76 des Familiengesetzbuchs der Ukraine. Sein Absatz 4 begründet einen Unterhaltsanspruch für den Ehegatten, der aufgrund der Kindererziehung, der Haushaltsführung oder der Pflege von Familienmitgliedern keine Möglichkeit hatte, zu arbeiten, eine Ausbildung zu absolvieren oder eine entsprechende Stellung zu bekleiden. Wie Ruslan Ruschytski betont, ermöglicht gerade diese Norm der Ex-Frau als Hausfrau, Unterhalt vom Ex-Mann zu verlangen. Absatz 3 desselben Artikels erweitert dieses Recht: Es bleibt auch nach Erreichen des Rentenalters der Frau bestehen, was den Schutzmechanismus langfristig macht und nicht ausschließlich auf den Zeitraum unmittelbar nach der Scheidung beschränkt.
Fristen und Bedingungen: Wie lange wird gezahlt
Der Jurist betont, dass der Unterhalt nach Absatz 4 des Artikels 76 bis zu drei Jahre nach der Auflösung der Ehe gezahlt werden kann. Das bedeutet, dass die Ex-Frau ein begrenztes, aber durchaus reales „Fenster der Möglichkeiten“ hat, um ihre Karriere wieder aufzubauen, eine Ausbildung zu absolvieren oder auf den Arbeitsmarkt zu gehen. Bei der Festsetzung der Unterhaltshöhe richtet sich das Gericht nach Artikel 80 des Familiengesetzbuchs: Berücksichtigt werden die Bedürfnisse der Frau sowie die finanziellen Möglichkeiten des Ex-Mannes – sein Gehalt, weitere Einkünfte, Vermögen und familiäre Umstände. Das Vorhandensein einer eigenen Rente oder eines anderen Einkommens der Frau beraubt sie nicht ihres Unterhaltsanspruchs; diese Faktoren werden lediglich bei der Berechnung der konkreten Summe vom Gericht berücksichtigt.
Entscheidung des Verfassungsgerichts und Bedürftigkeitskriterien
Ein wichtiger Präzedenzfall war die Entscheidung des Verfassungsgerichts der Ukraine Nr. 1-r/2024 vom 29. Oktober 2024, mit der Absatz 4 des Artikels 75 des Familiengesetzbuchs für verfassungswidrig erklärt wurde. Wie Ruslan Ruschytski anmerkt, bedeutet diese Entscheidung, dass das Einkommensniveau auf Höhe des Existenzminimums allein nicht das einzige Kriterium zur Feststellung der Bedürftigkeit einer Person sein darf. Das Gericht ist verpflichtet, die tatsächlichen Einkünfte, Ausgaben und Bedürfnisse der konkreten Person zu berücksichtigen und darf sich nicht auf eine formale Schwelle beschränken. Dies erweitert die Möglichkeiten von Ex-Frauen erheblich, deren Einkommen formal über dem Existenzminimum liegt, aber objektiv nicht ausreicht, um einen würdigen Lebensstandard zu sichern.
Alternative zum Gericht: Unterhaltsvertrag
Ruslan Ruschytski erinnert zudem daran, dass die Ehegatten nicht zwingend das Gericht anrufen müssen. Artikel 78 des Familiengesetzbuchs der Ukraine sieht die Möglichkeit vor, einen Unterhaltsvertrag zu schließen, in dem die Parteien Betrag, Fristen und Zahlungsmodalitäten selbst festlegen. Ein solcher Vertrag kann für beide Seiten vorteilhafter und bequemer sein, da er langwierige Gerichtsverfahren vermeidet und die Bedingungen schriftlich festhält. In der Praxis ist dies besonders relevant, wenn das Verhältnis zwischen den Ex-Ehegatten korrekt bleibt und beide Seiten an einer schnellen Einigung interessiert sind.
Was das in der Praxis bedeutet: de facto und de jure
Zusammenfassend macht der Jurist eine wichtige Einschränkung: De facto kann die Ex-Frau tatsächlich finanzielle Unterstützung vom Ex-Mann für die der Familie gewidmeten Jahre erhalten. De jure handelt es sich jedoch nicht um eine Entschädigung für die verlorene Rente oder die „verlorenen“ Jahre. Es ist ein eigenständiges Recht auf Unterhalt, das im Familiengesetzbuch der Ukraine vorgesehen ist. Diese Abgrenzung ist grundsätzlich wichtig, um zu verstehen, wie die Ansprüche im Gericht oder im Vertrag genau zu formulieren sind: Es geht nicht um Schadensersatz, sondern um die Ausübung des Unterhaltsrechts, das aus den familiären Beziehungen entsteht und nicht automatisch mit der Scheidung endet.