Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico erklärte in einer Rede, die auf seinem offiziellen Facebook-Konto veröffentlicht wurde, dass ihm die NATO-Mitgliedschaft seines Landes wichtig sei, er aber kategorisch nicht wolle, dass die Slowakei «wegen irgendeines Artikels 5» des Bündnisses in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen werde. Mit seinen eigenen Worten werde er «alles tun», damit sein Land niemals an Kampfhandlungen beteiligt sei, selbst wenn dies das formale Erfüllung der Verpflichtungen zur kollektiven Verteidigung bedeute. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf den Text der Rede des Ministerpräsidenten.
«Lautstarke kriegslüstige Rhetorik» und die Angst vor einem europaweiten Konflikt
Fico betonte, dass ihn das Niveau der «lautstarken kriegslüstigen Rhetorik» beunruhige, die seiner Einschätzung nach in Europa zu vernehmen sei. Der Ministerpräsident erklärte, die Lage hinsichtlich der Möglichkeit eines europaweiten bewaffneten Konflikts sei «niemals so ernst und angespannt gewesen wie jetzt». Genau dieser Hintergrund, so seine Worte, bestimme seine Position: Die formale Achtung des Bündnisses und seiner Mechanismen gehe einher mit dem Bestreben, die Slowakei mit allen verfügbaren politischen Instrumenten außerhalb eines möglichen bewaffneten Zusammenstoßes zu halten. «Ja, wir sind NATO-Mitglieder, wir respektieren das, wir kümmern uns um die Zusammenarbeit und die Erfüllung unserer Verpflichtungen, aber als Ministerpräsident werde ich alles tun, damit die Slowakei nie in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen wird», betonte er.
Besuch in der Ukraine und Treffen mit Selenskyj und Korezkyj
In derselben Rede teilte Fico mit, dass er am 18. September einen Besuch in der Ukraine unternommen habe, wo er sich mit dem Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dem neuen Ministerpräsidenten Serhij Korezkyj traf. Seinen Worten zufolge seien auch mehrere andere europäische Ministerpräsidenten nach Kiew gekommen. In diesem Zusammenhang verwies der slowakische Regierungschef erneut auf seine «Angst vor dem Krieg» und erklärte, genau deshalb wolle er «ernsthaft darüber sprechen». Damit wird sein diplomatischer Gestus – ein persönlicher Besuch inmitten einer angespannten regionalen Lage – von einem öffentlichen Signal der Unwilligkeit Bratislavas gegenüber einer militärischen Eskalation begleitet.
Der größere Kontext: NATO-Modernisierung, Drohnen über Europa und Manöver in Belarus
Die Aussagen Ficós erfolgten vor dem Hintergrund mehrerer Ereignisse, die das Gefühl einer nahenden Krise verstärken. Erst vor wenigen Tagen teilten Beamte der Verteidigungsministerien laut Reuters mit, dass die NATO einen Teil ihrer Waffen und ihre Kampftechnik modernisieren müsse, da diese veraltet seien; als Beispiel für eine schnelle Anpassung werde die Erfahrung der Ukraine angeführt. Der litauische Präsident Gitanas Nausėda äußerte seinerseits die Ansicht, dass Russland Drohnen absichtlich über dem europäischen Territorium starten könnte, um die Länder des Kontinents in einem Zustand ständiger Anspannung zu halten, und dass Moskau solche Vorfälle bewusst in Kauf nehme. Parallel dazu begannen in Belarus viertägige Militärmanöver in der Nähe der Grenzen zu Polen und Litauen, auf mehreren Übungsgeländen, darunter in der Nähe des Suwalki-Korridors – eines wichtigen logistischen Knotenpunkts, der das Baltikum mit dem Hauptterritorium der NATO verbindet.
Widersprüchliche Angaben
In der öffentlichen Rhetorik Ficós ist ein deutlicher innerer Widerspruch zu erkennen. Einerseits erklärt er offen, dass die Slowakei die NATO-Mitgliedschaft «respektiere» und sich um «die Zusammenarbeit und die Erfüllung ihrer Verpflichtungen» kümmere – Formulierungen, die die Bereitschaft implizieren, im Rahmen des Artikels 5 der Bündnissatzung zu handeln. Andererseits verspricht er im selben Atemzug, «alles zu tun», damit das Land nicht «wegen irgendeines Artikels 5» in einen Konflikt hineingezogen werde, was faktisch das Bestreben bedeutet, die kollektiven Verteidigungsverpflichtungen im Falle ihrer Aktivierung nicht zu erfüllen. Beobachter sind sich bei der Interpretation uneinig: Einige Politikwissenschaftler sehen darin eine klassische Taktik der «Abschreckung durch Unbestimmtheit», bei der die formale Mitgliedschaft beibehalten, die tatsächliche militärische Bindung jedoch verwässert wird. Andere weisen darauf hin, dass solche Aussagen das Risiko einer Destabilisierung des Vertrauens innerhalb des Bündnisses schaffen und vom Gegner als Signal dafür genutzt werden könnten, dass einzelne Mitglieder bereit seien, der kollektiven Verteidigung auszuweichen. Zusätzlich erschwerend kommt hinzu, dass Fico in anderen jüngsten Auftritten (unter Verweis auf das Abschlussdokument des NATO-Gipfels) gerade darauf hinwies, dass das Bündnis die Länder nicht verpflichten werde, Kiew zu finanzieren, was den Schwerpunkt vom militärischen Artikel 5 auf die finanzielle Ebene verlagert und die klare Grenze zwischen seiner Position zur Verteidigung und zu den Haushaltsverpflichtungen verwischt.
Was das für Bratislava und das Bündnis bedeutet
Unabhängig von der Interpretung formen die Worte des Ministerpräsidenten einen neuen Informationshintergrund für die Beziehungen der Slowakei zur NATO und zur Ukraine. Der Besuch in Kiew am 18. September, der mit einem öffentlichen «Warnsignal» gegenüber der Teilnahme am Krieg einherging, erzeugt eine doppelbotschaft: Die diplomatische Nähe zu Kiew bleibt erhalten, die militärische Bindung an das Bündnis wird jedoch in Frage gestellt. In einer Lage, in der, nach Einschätzung der Verteidigungsstrukturen, die Taktik und die Waffen der NATO einer dringenden Modernisierung bedürfen, während am östlichen Flügel gleichzeitig Manöver in Belarus stattfinden und Vorfälle mit unbemannten Luftfahrzeugen über dem europäischen Luftraum registriert werden, werden solche Aussagen aus Bratislava nicht mehr nur zu einem innenpolitischen Gestus, sondern zu einem Faktor, der die Berechnung der kollektiven Verteidigungsstrategie des gesamten Bündnisses beeinflusst.