Anlässlich des 170. Jahrestags der Geburt von Iwan Franko wurde in der Ukraine das großangelegte musikalisch-technologische Projekt FRANKO: Sound Continuum 360° gestartet, das die Poesie des nationalen Klassikers in ein immersives audiovisuelles Erlebnis verwandelt. Die Initiative wird von der gemeinnützigen Organisation „Kultur- und Kunstfonds Dusha UA“ umgesetzt und vom Ukrainischen Kulturfonds unterstützt. Sie sieht die Erstellung von 12 VR-Singles für Gesang und Klavier vor, die die kammermusikalische Vokalt radition, Frankos Gedichttexte, zeitgenössische kompositorische Praktiken und Technologien der virtuellen Realität verbinden. Nach dem Konzept der Autoren soll der Zuhörer nicht nur Musik hören, sondern sich vollständig in den geschaffenen digitalen Raum eintauchen können, was neue Möglichkeiten für die Wahrnehmung des ukrainischen musikalischen Erbes eröffnet.
Aufnahme auf der Bühne der Nationalen Philharmonie
Die Hauptstudiosession des Projekts fand am 2. August 2026 auf der Bühne der Nationalen Philharmonie der Ukraine statt. An der Aufnahme wirkten professionelle Musiker, der Toningenieur Andrej Mokryzkyj und ein Team von VR-Künstlern mit, die für die Gestaltung des digitalen Raums für jede Single verantwortlich waren. Das 360°-Aufnahmeformat ermöglicht es, die Klangszene aus allen Richtungen festzuhalten, was in Kombination mit dem visuellen VR-Komponenten einen Präsenzeffekt erzeugt, der im traditionellen Stereo- oder sogar Surround-Format nicht erreichbar ist.
Repertoire: von Lysenko bis zur Elektroakustik
In das Programm wurden zehn Romanzen und Sololieder ukrainischer Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts auf Texte von Iwan Franko aufgenommen. Das Repertoire umfasst einen weiten historischen Bogen: von Mychajlo Lysenko und Denys Sytschynskyj über Jaroslaw Lopotynskyj, Stanyslaw Ljudkewytsch, Borys Ljatychynskyj, Fedor Nadenenko, Anatolij Kos-Anatoljskyj, Wassyli Barwynskyj, Bohdana Filz bis hin zu Lesja Ditschko. Auf diese Weise baut das Projekt einen durchgehenden „Klangkontinuum“ auf – vom nationalen Romantik des späten 19. Jahrhunderts über die modernistischen Suchen des 20. Jahrhunderts bis hin zu aktuellen Praktiken.
Zwei neue Werke mit Elektroakustik
Separat für FRANKO: Sound Continuum 360° komponierten die zeitgenössischen Komponisten Alexander Tschornyj und Tschatschana Choroschun zwei Originalwerke auf Texte von Iwan Franko. In diesen Kompositionen werden Elektroakustik, moderne Kompositionstechniken, Improvisationselemente und Experimente mit dem Klangraum aktiv eingesetzt. Gerade diese beiden Singles schließen das „Kontinuum“ ab, verbinden das klassische Erbe mit fortschrittlichen Technologien des Sound-Designs und demonstrieren, dass Frankos Poesie in der digitalen Umgebung eine neue Klangfarbe annehmen kann.
Marija Prylypko und das offene Casting junger Vokalistinnen
Die Idee des Projekts stammt von der Pianistin und Konzertmeisterin Marija Prylypko, die zugleich als künstlerische Kuratorin auftrat. Im Rahmen der Initiative arbeitete sie mit jungen Vokalistinnen zusammen, die im Rahmen eines offenen Online-Castings ausgewählt wurden. Für jede Interpretin wählte das Team individuell das Werk aus, das am besten zu ihrer Stimme, ihrem Temperament und ihrer musikalischen Individualität passte. „Die interessanteste und zugleich schwierigste Aufgabe für mich war nicht nur, die Interpretinnen auszuwählen, sondern für jede genau die Romanze zu finden, in der ihre Stimme, ihr Temperament und ihre musikalische Individualität am vollständigsten zur Entfaltung kommen können“, so Prylypko. Auf der Bühne der Nationalen Philharmonie versammelte sich am Tag der Aufnahme genau diese Gruppe junger Künstlerinnen, deren Namen das Ensemble des Projekts bildeten.
Klassik jenseits des Konzertsaals
FRANKO: Sound Continuum 360° soll demonstrieren, dass ukrainische klassische Musik nicht nur in den Wänden von Konzertsälen existieren kann, sondern auch in der modernen digitalen Umgebung. Die Kombination aus Poesie, Kammermusik und VR-Technologien zielt darauf ab, das kulturelle Erbe für ein junges Publikum zugänglicher zu machen, das an interaktive Formen des Konsums gewöhnt ist. Das Projekt wird so zu einer Brücke zwischen Tradition und Innovation und belegt, dass 170 Jahre nach der Geburt von Iwan Franko sein Wort weiterklingt – bereits in einer neuen, virtuellen Dimension.