Das Freihandelsabkommen zwischen der Ukraine und der Türkei, das bereits 2022 unterzeichnet wurde, ist nach seiner jüngsten Ratifizierung durch die Werchowna Rada und der Unterzeichnung durch den ukrainischen Präsidenten in eine aktive Phase eingetreten. Der ukrainische Botschafter in der Türkei, Naryman Dschelal, bewertete im Interview mit RBC-Ukraine die Folgen des Abkommens für das inländische Unternehmen und räumte ein, dass es neben der Öffnung neuer Märkte auch reale Risiken für eine Reihe von Branchen mit sich bringt. Nach seinen Worten ist die Ratifizierung ein Beleg für ein neues Niveau des Vertrauens und der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten, und die türkische Seite habe während des gesamten Verhandlungsprozesses die Notwendigkeit einer möglichst raschen Inkraftsetzung des Abkommens betont.

Neue Märkte und die Nachfrage des Unternehmens

Die ukrainische Botschaft in Ankara registriert bereits ein wachsendes Interesse ukrainischer Unternehmen, die verstehen möchten, was ihnen die Freihandelszone konkret bringt. Dschelal berichtete, dass die diplomatische Mission Anfragen von Unternehmern erhält, die auf dem türkischen Markt tätig sein und die Mechanismen des Abkommens verstehen möchten. Als Antwort auf diese Nachfrage plant die Botschaft gemeinsam mit den zuständigen Ministerien und Wirtschaftsverbänden eine Reihe von Informations- und Bildungsveranstaltungen sowohl für das ukrainische als auch für das türkische Unternehmen. Nach Einschätzung des Botschafters schafft der nach der Ratifizierung entstandene positive Hintergrund die Voraussetzungen für eine Vertiefung der bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen.

Leichtindustrie – der verwundbarste Sektor

Die größte Herausforderung, die Dschelal hervorhebt, betrifft die Leichtindustrie. Nach seinen Worten ist dieser Sektor in der Türkei äußerst entwickelt und – im Gegensatz zum ukrainischen – von den Folgen des Krieges nicht betroffen. Das bedeutet, dass inländische Hersteller von Kleidung, Schuhen, Textilien und zugehörigen Produkten sich in einer Situation harter Konkurrenz mit türkischen Entsprechungen wiederfinden werden, die ungehindert auf den ukrainischen Markt ausweichen können. Der Botschafter erklärte offen, dass der Staat Mechanismen zur Unterstützung und zum Schutz verwundbarer inländischer Unternehmen ausarbeiten müsse, damit diese nicht in einer offensichtlich verlorenen Position landen. Ohne solche Maßnahmen könnte, nach seiner Logik, ein Teil der ukrainischen Unternehmen Marktanteile zugunsten türkischer Produkte verlieren.

Handelsvolumen und Ungleichgewicht

Trotz des andauernden Krieges zeigt der bilaterale Handel zwischen den beiden Ländern ein Wachstum. Laut Angaben des Botschafters beträgt das aktuelle Handelsvolumen etwa 8,8 Milliarden Dollar. Dabei verhehlt Dschelal nicht, dass ein gewisses Ungleichgewicht zugunsten der Türkei besteht: Die Ukraine importiert mehr aus Ankara, als sie exportiert. Dennoch steigt die Gesamtzahl weiter, was nach Einschätzung der diplomatischen Mission auf eine anhaltende Nachfrage und die Komplementarität der Volkswirtschaften hindeutet. Der Freihandel soll, wie erwartet, zu einer weiteren Steigerung dieser Zahlen und einer allmählichen Angleichung der Handelsbilanz beitragen.

Bürokratie und praktische Hindernisse

Gleichzeitig betonte der Botschafter, dass das Abkommen allein kein Allheilmittel ist. Die Länder müssen füreinander offener werden, Investoren fördern und die Voraussetzungen für den Start gemeinsamer Produktionen schaffen. Dschelal räumte ein, dass in der Praxis sowohl das ukrainische Unternehmen in der Türkei als auch das türkische in der Ukraine mit einer Reihe von Problemen konfrontiert ist: von den Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Lage bis hin zu übermäßiger Bürokratie und ungünstigen Bedingungen für die Geschäftstätigkeit. Nach seiner Meinung wird gerade die Beseitigung dieser Hindernisse zum entscheidenden Faktor, der bestimmt, inwieweit beide Seiten das Potenzial der Freihandelszone ausschöpfen können.

Kontext und weitere Schritte

Das Freihandelsabkommen wurde von den beiden Ländern 2022 unterzeichnet, doch seine praktische Umsetzung wurde erst nach dem vollständigen Ratifizierungszyklus in der Ukraine möglich. Die türkische Seite habe, den Worten Dschelals zufolge, konsequent auf einer möglichst raschen Inkraftsetzung des Dokuments bestanden und es als Element der strategischen Partnerschaft betrachtet. Jetzt, da der rechtliche Rahmen festgelegt ist, verschiebt sich der Fokus auf die praktische Arbeit: die Information des Unternehmens, die Senkung der Verwaltungskosten und die Schaffung eines institutionellen Umfelds, in dem ukrainische und türkische Unternehmen unter gleichen Bedingungen effektiv zusammenarbeiten können.