Die Frage, ob man anhand der DNA vorhersagen kann, wie der Charakter eines Menschen ausfallen wird, ist an der Schnittstelle von Genetik, Psychologie und elterlicher Praxis nach wie vor eines der meistdiskutierten Themen. In einem aktuellen Interview mit RBC-Ukraine gab der Genetiker Dmytro Mykytenko eine ausführliche Antwort: Ein einzelnes „Charakter-Gen“ existiert in der Natur nicht, doch die Genetik setzt tatsächlich bestimmte Rahmen, innerhalb derer sich die Persönlichkeit formt. Seinen Worten zufolge können Besonderheiten der Funktionsweise des Nervensystems vererbt werden – Reaktivität, Plastizität und die Neigung zu bestimmten Gewohnheiten. Diese biologischen Voraussetzungen bilden in Kombination mit Erziehung, Umwelt und Lebenserfahrung das, was wir Charakter nennen.

Die Polygenie des Charakters und die Bewertung des genetischen Anteils

Mykytenko betont, dass der Charakter einen polygenen Bestandteil aufweist: Auf ihn wirken nicht ein oder zwei Gene, sondern ein komplexes Zusammenspiel zahlreicher Loci. Der genetische Anteil an der Charakterbildung liegt nach Einschätzung des Fachmanns bei etwa 40–60 %. Das bedeutet, dass selbst bei einer hohen erblichen Veranlagung der verbleibende Anteil – von 40 bis 60 % – durch Umweltfaktoren bestimmt wird. Die DNA legt also kein Urteil fest, sondern einen probabilistischen „Korridor“ der Möglichkeiten, innerhalb dessen sich der Mensch unter dem Einfluss äußerer Umstände entwickelt.

Eineiige Zwillinge: eine anschauliche Illustration der Rolle der Umwelt

Zur Veranschaulichung führte der Genetiker das Beispiel eineiiger Zwillinge an. Selbst bei einem nahezu identischen genetischen Satz und ähnlichen Lebensbedingungen können sich zwei Menschen auf völlig unterschiedlichen Wegen entwickeln. Mykytenko beschreibt eine hypothetische Situation: Einer der Zwillinge stürzt vom Fahrrad und erleidet eine Gehirnerschütterung, der andere hat eine solche Erfahrung nicht. Dieses einzelne Ereignis ist in der Lage, die weitere Entwicklung des Nervensystems und damit die Verhaltensmuster zu verändern. Mit der Zeit macht die Anhäufung von Unterschieden in Umwelt und Erfahrung selbst genetisch identische Menschen immer weniger ähnlich.

Genetisches Risiko bedeutet keine Unvermeidbarkeit

Ein wichtiger Gedanke, den Mykytenko aus seinem Interview ableitet: Das Vorhandensein einer genetischen Veranlagung für einen bestimmten Zustand garantiert nicht dessen Ausprägung. Als Beispiel nennt er die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Eine hohe genetische Veranlagung für diese Störung existiert, doch auf ihre tatsächliche Ausprägung können Stress, Geburtsverletzungen oder Stoffwechselstörungen einwirken. Der Fachmann merkt dabei an, dass sich mit solchen Ausprägungen arbeiten lässt und auch sollte: Ob sich das genetische Risiko verwirklicht, hängt nicht nur von der Vererbung, sondern auch von Erziehung, Lebensstil und der angesammelten Lebenserfahrung ab.

Was genetische Tests tatsächlich zeigen

Angesichts der wachsenden Popularität kommerzieller DNA-Tests, die versprechen, den „Charakter zu entschlüsseln“ oder das „Schicksal vorherzusagen“, klingt die Position des Genetikers wie eine nüchterne Erinnerung: Kein bestehender Test ist in der Lage, den Charakter eines Menschen anhand seines Gensatzes zu bestimmen. Die Tests können einzelne Marker für Veranlagungen aufdecken, doch sie ohne Kontext – Erziehung, Umwelt, Ernährung und Lebensereignisse – zu interpretieren, ist unzulässig. Die Genetik liefert Informationen über Wahrscheinlichkeiten, nicht über ein fertiges Lebensszenario. Genau deshalb können, so Mykytenko, selbst Menschen mit einem sehr ähnlichen genetischen Satz zu völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten werden.