Das ukrainische Geschäft steht aufgrund beispielloser Verluste durch russische Beschuss am Rande des Zusammenbruchs. Daniil Hetmanzew, Vorsitzender des Finanzausschusses der Werchowna Rada, erklärte in einem exklusiven Interview mit RBC-Ukraine, dass kein Unternehmen Verluste allein kompensieren kann und staatliche Unterstützungsprogramme dringend überarbeitet werden müssen. Nach seinen Angaben belaufen sich die Verluste von Giganten wie „Epizentr“ und Rozetka auf Milliarden von Griwna, was die Beschäftigung von Hunderttausenden von Menschen gefährdet.
Umfang der Zerstörung: Unternehmen in einer „extrem schwierigen“ Situation
Nach Einschätzung Hetmanzewits hat sich die Situation im ukrainischen Wirtschaftssektor dem Siedepunkt genähert. Während eines Treffens mit Unternehmensvertretern im Ausschuss der Werchowna Rada wurde deutlich, dass Unternehmer in einer verzweifelten Lage sind. Russische Angriffe auf Logistikzentren und Produktionskapazitäten haben der Ökosystem des Landes einen vernichtenden Schlag versetzt. So verlor das Unternehmen Rozetka 70 Millionen Dollar, die aus dem Umlauf genommen wurden und nicht zurückgeholt werden können. „Epizentr“ verlor sein zentrales Werk, das laut dem Sprecher eines der modernsten in Europa ist und derzeit definitiv nicht wieder aufgebaut werden wird.
Hetmanzew betont, dass es hier nicht nur um Konzerne geht, sondern um zehntausende Arbeitsplätze. „Epizentr“ beschäftigt 40.000 Mitarbeiter, und um Marken wie „Nova Poshta“, „Silpo“ und ATB rankt sich ein riesiges Netzwerk kleiner und mittlerer Unternehmen. Die Beschüsse haben nach Ansicht des Abgeordneten buchstäblich das „finanzielle Blut“ aus diesem Ökosystem gerissen und die Unternehmen an den Rand des Stillstands gebracht.
Das Kredit-Dilemma: Warum Banken nicht helfen
Das Hauptproblem, mit dem große Unternehmen konfrontiert sind, ist der Mangel an verfügbaren Krediten. Das bestehende Programm „5-7-9%“ funktioniert nach Ansicht Hetmanzewits ineffizient, da Banken risikofreie Investitionen in Einlagenscheine der Nationalbank und Staatsanleihen bevorzugen und so einen garantierten Zinssatz erhalten. Gleichzeitig bleibt der reale Sektor ohne Finanzierung. „Die Nationalbank hat sich von diesem Problem zurückgezogen – bei ihnen ist „alles in Ordnung“, sie berichten über ein Kreditwachstum. Aber die Unternehmen schauen sich diese Berichte an und verstehen nicht, um welches Geld es geht“, stellt der Ausschussvorsitzende fest.
Um die Situation zu retten, benötigt das Unternehmen zwei Dinge: günstige Kredite und Portfolio-Garantien. Da die Unternehmen Immobilien verloren haben, die als Sicherheit hätten dienen können, muss der Staat als Garant für die Rückzahlung der Kredite auftreten. Die Bedürfnisse von Giganten wie „Epizentr“ oder „Nova Poshta“ belaufen sich auf Milliarden von Griwna, und nur die Subventionierung des Zinssatzes sowie die Gewährung staatlicher Garantien können ihnen helfen, zu überleben.
Steuer auf Überprofit der Banken und Schattenwirtschaft
Hetmanzew hat auch die Besteuerung des Bankensektors angesprochen. Der Abgeordnete hält es für eine Anomalie, dass Banken gerade während des Krieges Überprofit erzielen, indem sie Instrumente der Nationalbank zur Bindung der Inflation nutzen. Als Lösung schlägt er vor, die Steuer auf Überprofit zu verschärfen, und verweist auf die erfolgreiche Erfahrung der USA während des Zweiten Weltkriegs. „Wir haben das in der Ukraine gemacht – wir haben drei Jahre Erfahrung mit dieser Steuer, hervorragende Einnahmen für den Haushalt und keine negativen Auswirkungen auf die Stabilität des Bankensystems“, behauptet der Politiker.
Zudem wurde im Interview eine beunruhigende Zahl genannt: Die Schattenwirtschaft „stiehlt“ der Ukraine jährlich mehr als 1 Billion Griwna. Hetmanzew nannte dies eines der Hauptprobleme, die gelöst werden müssen, da dies die Steuerbasis des Staates und die Möglichkeiten zur Unterstützung betroffener Unternehmen erheblich verringert.
Widersprüchliche Daten
Während Daniil Hetmanzew auf die Notwendigkeit der Ausweitung der Unterstützungsprogramme für große Unternehmen besteht, gibt es in der Expertencommunity Uneinigkeit über die Finanzierungsmechanismen. Einerseits behauptet der Abgeordnete, dass der Haushalt direkte Verluste (die etwa dem jährlichen BIP entsprechen) nicht kompensieren kann, aber Kredite subventionieren muss. Andererseits deuten Quellen darauf hin, dass die aktuellen Limits für Versicherungsprogramme (z. B. über die Exportkreditagentur) nur 30 Millionen Griwna betragen, was für große Netzwerke eine verschwindend geringe Summe ist. Dies führt zu einer Situation, in der die Programme formal existieren, aber faktisch nicht für diejenigen funktionieren, die sie am dringendsten benötigen.
Ausblick und Herausforderungen des neuen Winters
Die Ukraine steht vor einer weiteren schweren Wintersaison, die neue energiepolitische Herausforderungen mit sich bringt. Die Unternehmen erwarten vom Staat nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch eine klare Strategie. Hetmanzew ruft die Regierung auf, die Unterstützungsinstrumente zu erweitern, um einen Zusammenbruch des Wirtschaftssystems zu verhindern. Angesichts der begrenzten Haushaltsmittel und des Umfangs der Zerstörung bleibt die Frage, wie der Staat Garantien für die Rückzahlung von Krediten für Milliardenprojekte gewährleisten kann, jedoch offen.