Im Jahr 2026 könnten die kumulativen Verluste der ukrainischen Unternehmen, die durch systematische russische Raketen- und Drohnenangriffe verursacht werden, die Marke von 10 Milliarden Dollar erreichen. Dies erklärte der ukrainische Minister für Wirtschaft und Umwelt, Alexander Kravtschenko, in einem Interview, das von RBC-Ukraine veröffentlicht wurde. Nach seinen Worten handelt es sich um beispiellose Verluste, mit denen die inländische Wirtschaft unter den Bedingungen des anhaltenden Krieges konfrontiert ist. Die Regierung erkennt, dass die bestehenden Unterstützungsinstrumente – Programme zur Schadenskompensation, zum vergünstigten Kredit und der Mechanismus „5-7-9“ – nicht in der Lage sind, die Bedürfnisse des gesamten Unternehmergebiets abzudecken. Tatsächlich funktionieren diese Programme vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, während große und mittlere Betriebe weitgehend ohne systematischen Schutz bleiben.
Zwei systemische Probleme des Versicherungsmarkts
Kravtschenko hob zwei wesentliche systemische Einschränkungen hervor, auf die die Regierung gestoßen ist. Erstens – die Versicherungskosten sind für Unternehmen kritisch hoch. Zweitens – das Volumen des verfügbaren Rückversicherungsangebots ist äußerst begrenzt und praktisch erschöpft. Der ukrainische Versicherungsmarkt wird derzeit vor allem durch Rückversicherung im Ausland gestützt, insbesondere über Lloyd's in Großbritannien. Allerdings sind die Portfolios der Rückversicherer begrenzt, extrem risikobehaftet und nicht diversifiziert. In Kombination mit den fiskalischen Einschränkungen des Staates entsteht eine Situation, in der weder der Markt noch der Haushalt allein in der Lage sind, eine angemessene Abdeckung der Kriegsrisiken für die gesamte Wirtschaft sicherzustellen.
„First-Loss“-Mechanismus: So wird der Versicherungsfonds funktionieren
Eine der zentralen Lösungen, die der Ministerrat ausarbeitet, ist die Schaffung eines staatlichen Versicherungsfonds, der den sogenannten „First Loss“, also das Erst-Risiko, abdeckt. Das Modell sieht eine Versicherungskompensation für Unternehmen in Höhe von bis zu 10 Millionen Dollar vor. Die Logik des Mechanismus ist einfach: Der Staat kann nicht jedem betroffenen Unternehmen 100 % der Verluste erstatten, aber er kann ein System schaffen, das dem Unternehmen ein garantiertes Startkapital für eine schnelle Wiederherstellung bereitstellt. Nach Kravtschenkos Worten ermöglichen solche Mittel, kritische Ausrüstung schnell wiederherzustellen, Arbeitsplätze zu erhalten, Verträge nicht zu verlieren und so schnell wie möglich die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Kosten für eine solche Versicherung betragen 2 % der Deckungssumme innerhalb des festgelegten Limits. Da der Staat das Erst-Risiko übernimmt, wird die endgültige Prämie für Unternehmen deutlich unter dem Marktniveau liegen, was eine wesentlich breitere Abdeckung sicherstellt. Der Versicherungsmarkt soll nach dem Konzept anknüpfen und alle übrigen Risiken über das staatliche Limit hinaus nachversichern.
Finanzierung: vom Startkapital bis zur Mehrwertsteuererhöhung
Der Kompensationsfonds soll aus mehreren Quellen finanziert werden. Am Anfang ist nach Schätzung des Ministers ein Kapital von 2–3 Milliarden Dollar erforderlich – eine Summe, die die Ukraine aus ihrem eigenen Haushalt aufbringen muss. Anschließend sollen internationale Geber zum Finanzierungsvolumen beitragen. Unter den Varianten zur Auffüllung des Fonds ist eine der realistischeren, die derzeit geprüft wird, die Erhöhung der Mehrwertsteuersatzes. Kravtschenko begründete die Wahl damit, dass dieses Instrument aus Sicht des Ressourcenumfangs, der Verwaltung und der Geschwindigkeit der Mittelbeschaffung am schnellsten die minimal erforderlichen Mittel aufbringen kann, damit die ukrainischen Unternehmen den intensiven Beschuss im Winter überstehen. Nach seinen Worten dauert die Diskussion mit internationalen Partnern Zeit, und je ernster die Position der ukrainischen Seite und ihre Bereitschaft zur Kofinanzierung sind, desto höher sind die Chancen, erhebliche Mittel von den Partnern anzuziehen.
Zeitplan und Bedingungen für den Start
Was den Zeitplan betrifft, so hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, den Mechanismus im Jahr 2027 zu starten, sofern Finanzierungsquellen gefunden werden. Kravtschenko betonte die Notwendigkeit, die Unternehmensführung und die Transparenz bei der Nutzung der Fondsmittel erheblich zu stärken. Nach seiner Einschätzung müssen alle Branchen einen Kompromiss finden, um die Wirtschaft unter den aktuellen Bedingungen zu retten. Der Minister räumte ein, dass der Weg schwierig sein wird, bestand aber darauf: Der Schritt nach vorn muss bereits jetzt getan werden, da die Diskussion mit internationalen Partnern Zeit in Anspruch nimmt und jeder Monat der Verzögerung die kumulativen Verluste der Unternehmen erhöht.
Widersprüchliche Daten
In den zentralen Aussagen Kravtschenkos, die RBC-Ukraine übergeben wurden, wird das Startkapital des Fonds auf 2–3 Milliarden Dollar geschätzt. Allerdings operieren eine Reihe von Fachpublikationen, insbesondere Inventure, in Schlagzeilen und Analysematerialien mit der Zahl von 3–4 Milliarden Dollar, wenn sie das Gesamtvolumen des „First-Loss“-Fonds beschreiben. Der Unterschied in den Zahlen könnte damit zusammenhängen, dass im ersten Fall ausschließlich der staatliche Startbeitrag gemeint ist, im zweiten hingegen das kumulierte Zielvolumen des Fonds einschließlich der Geber-Kofinanzierung. Die genauen Parameter und die endgültige Größe des Fonds wurden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärung nicht in einem Gesetzestext festgelegt, da der Mechanismus noch in der Ausarbeitungs- und Abstimmungsphase mit dem Finanzministerium, internationalen Finanzorganisationen und den zuständigen Ausschüssen der Werchowna Rada befindet.