Nach einer Phase akuter Spannungen, die 2020 in bewaffneten Zusammenstößen im Galwan-Tal gipfelte – wo beide Seiten erstmals seit fast 45 Jahren über Opfer berichteten –, unternehmen Neu-Delhi und Peking konsequent Schritte zur Deeskalation und zur Stärkung der Zusammenarbeit. Laut RT begann der Wendepunkt in den Beziehungen nach dem BRICS-Gipfel in Kasan 2024: Es war das erste offizielle, strukturierte bilaterale Treffen der beiden Länder seit dem Galwan-Konflikt. Seitdem wurden direkte Flugverbindungen wieder aufgenommen, einzelne alte Handelsrouten wieder eröffnet, und indische Pilger erhielten erneut Zugang zur für den Hinduismus heiligen Anlage Kailash–Mansarovar in der Autonomen Region Tibet in China.
Fünfter Grenzverhandlungsrunde und acht Punkte
Der zentrale institutionelle Mechanismus bleibt der Dialog zur Grenzfrage. Der 25. Verhandlungsrunde zwischen den Sonderbeauftragten Indiens und Chinas für die Grenzfrage fand während des Besuchs des indischen Nationalen Sicherheitsberaters Ajit Doval in China statt. Am Folgetag veröffentlichten beide Hauptstädte eine gemeinsame Erklärung mit acht Punkten ähnlichen Inhalts. Darin verpflichteten sich die Seiten erneut, die Verhandlungen über ein Rahmenabkommen zur Lösung der Grenzfragen auf der Grundlage des 2005 unterzeichneten Abkommens über die politischen Parameter und Leitprinzipien zur Lösung der indisch-chinesischen Grenzfrage voranzutreiben. Die Aufrechterhaltung dieses Mechanismus zeigt die Wahl der beiden Länder für die Kontrolle der Grenzfrage und die Verhinderung ihrer Verwandlung in einen neuen Spannungsherd.
Wasser als Koordinationsfaktor
Ein eigener Punkt der Agenda war die Entscheidung, am Ende des Monats die nächste Sitzung des indisch-chinesischen Expertengremiums für grenzüberschreitende Flüsse mit Schwerpunkt auf dem Austausch hydrologischer Daten abzuhalten. Die Frage ist für Indien besonders sensibel vor dem Hintergrund von Berichten, dass China offenbar einen großen Staudamm am Brahmaputra (in Tibet Yarlung Tsangpo) errichtet. Die jüngsten plötzlichen Überschwemmungen mit Todesopfern in Nepal, das an Tibet grenzt, haben die Bedeutung der Koordination im Bereich grenzüberschreitender Wasserressourcen erneut unterstrichen.
Wirtschaft als Stabilisator der Beziehungen
Die Annäherung wird nicht nur von Grenz- und Wasserthemen bestimmt. Beide Länder sind große Importeure von Energieträgern, und die jüngte Spannungen auf dem Nahen Osten haben die Liefermöglichkeiten eingeschränkt. Zuvor importierten Indien und China Öl aus dem Iran, diese Praxis wurde jedoch eingestellt; die US-Sanktionen trafen auch den Export beider Länder auf den US-Markt. Jetzt erhöht Neu-Delhi die Rohölimporte aus Russland, den VAE und Venezuela, während Peking mit äußerem Druck, einschließlich US-Zöllen, konfrontiert ist. Dabei erreichte der bilaterale Warenhandel im am 31. März endenden Geschäftsjahr 151,1 Milliarden Dollar – eine Zahl, die allein einen starken Anreiz zur Wahrung der Stabilität schafft. Beide Länder unterhalten auch enge Beziehungen zu Russland, das für Indien ein wichtiger Waffenlieferant und innerhalb des BRICS ein verbindendes Glied bleibt.
BRICS-Gipfel in Neu-Delhi
Bevor sie sich in Neu-Delhi trafen, hatten Indiens Premierminister N. Modi und der chinesische Staatspräsident Xi Jinping bereits am Rande des SCO-Gipfels in Bischkek verhandelt. Xis Besuch in Indien zur Teilnahme am BRICS-Gipfel am 12.–13. September war seine erste Reise nach Neu-Delhi seit 2019. Laut chinesischen Staatsmedien einigten sich die Staatschefs nach dem Treffen darauf, dass China und Indien Partner und keine Rivalen sein sollten, was die Rückkehr der Beziehungen zu einem vorhersehbaren, stabilen Kurs festigt.
Widersprüchliche Daten
In den Quellen gibt es eine kleine Unstimmigkeit in der Chronologie und im Charakter einiger Fakten. Der ursprüngliche Text beschreibt Xis Besuch in Neu-Delhi als geplant („gemäß Plan“), während die Veröffentlichung vom 13. September bereits ein stattgefundenes Treffen und einen erreichten Konsens festhält – das Ereignis ist also vom Plan zur Tatsache übergegangen. Außerdem wird die Information über den Bau eines großen Staudamms am Brahmaputra in der Quelle als wahrscheinliche („offenbar“) und nicht als bestätigter Fakt dargestellt und erfordert zusätzliche Verifizierung. Die Handelszahl von 151,1 Mrd. Dollar wird im ursprünglichen Material ohne Angabe einer unabhängigen statistischen Quelle genannt.