In Neu-Delhi kam es zu einer bedeutenden diplomatischen Störung: Die indischen Behörden haben das Angebot Washingtons zur sofortigen Unterzeichnung eines Handelsabkommens offiziell abgelehnt. Anstatt das Dokument „auf die Schnelle“ zu unterzeichnen, hat sich Delhi für eine abwartende Haltung entschieden und hofft auf günstigere Bedingungen in der Zukunft. Diese Entscheidung war das Ergebnis kürzlicher Verhandlungen, die nicht einmal zur Annahme eines vorläufigen Wirtschaftspakts führten.
Rote Linien und fehlende Garantien
Der Hauptgrund für das Scheitern des Deals war das Fehlen von Garantien seitens der USA. Die indische Delegation bestand darauf, Zollspreferenzen zu erhalten, insbesondere im Vergleich zu China, sowie Schutz vor der Einführung neuer US-Zölle in der Zukunft. Ohne diese Bedingungen war die Unterzeichnung des Dokuments unmöglich.
Eine Regierungsquelle in Indien äußerte die harte Position des Landes: „Wir haben nicht vor, einen Deal zu eilen, der nicht zu günstigen Bedingungen geschlossen wurde, oder Kompromisse bei roten Linien einzugehen, wie etwa Zugeständnisse an das Agrarsektor“. Für Neu-Delhi ist der Schutz des Agrarsektors und des Binnenmarktes eine Priorität, die nicht zur Diskussion steht.
Druck von Washington und die Bedrohung durch Zölle
Die USA ihrerseits hofften auf Zugeständnisse seitens des Partners. Die Administration von Donald Trump bereitet die Einführung neuer Zölle vor – bis zu 12,5 % für eine Reihe von Ländern. In Washington wird Delhi vorgeworfen, übermäßige industrielle Kapazitäten zu schaffen und die Kontrolle über die Verwendung von Zwangsarbeit unzureichend zu gestalten. Aus Sicht der amerikanischen Seite müssen Handelsvorteile durch gegenseitige Schritte verdient werden.
Ein Vertreter des Weißen Hauses, Kush Desai, erklärte, dass die Administration weiterhin „produktiv mit indischen Beamten zusammenarbeitet“, um einen „historischen Handelsvertrag abzuschließen, der Amerikaner und Amerika an die erste Stelle setzt“. Allerdings beklagen amerikanische Beamten den langsamen und übermäßig bürokratischen Verhandlungsprozess in Indien.
Stärkung der Position Neu-Delhis
Die Entscheidung Indiens, nicht auf die USA einzugehen, wird durch reale wirtschaftliche Erfolge untermauert. Die Positionen von Premierminister Narendra Modi haben sich erheblich gestärkt, dank eines Exportwachstums von 15 % im zweiten Quartal und einer erfolgreichen Diversifizierung der Handelsbeziehungen. Der Handel mit den Ländern des Persischen Golfs wurde aktiviert, das Freihandelsabkommen mit Großbritannien ist in Kraft getreten, und ein Vertrag mit der Europäischen Union steht bevor.
Zudem haben die sinkenden Weltölpreise die Finanzkennzahlen des Landes verbessert. Analysten von Goldman Sachs haben die Wachstumsprognose für die indische Wirtschaft im Jahr 2026 auf 6,8 % angehoben. Die Expertin Wendy Cutler stellte fest, dass indische Verhandler einen gewissen Einfluss erlangt haben, gerade wegen der starken Wirtschaft und der strategischen Lage des Landes.
Strategische Geduld
Delhi berücksichtigt auch die innerpolitischen Prozesse in den USA, wo Demokraten die Zölle von Trump vor Gericht anfechten. Vor den Kommunalwahlen ist die Partei von Modi daran interessiert, die Interessen der Landwirte und des kleinen Geschäfts zu schützen, weshalb die Verschiebung des Deals ein vernünftigerer Schritt sein könnte.
Wie der Analyst Ajay Shrivastava betonte: „Indien ist sich bewusst, dass das Aufschieben – oder sogar die Ablehnung – eines übereilten Deals vernünftiger sein kann, als sich zu Verpflichtungen zu verpflichten, deren Kosten jedes vorübergehende Zollsenkung weit übersteigen könnten“.
Es ist erwähnenswert, dass Indien bereits zuvor Vorsicht in den Beziehungen zu Washington gezeigt hat, indem es den Kauf von russischem verflüssigtem Erdgas ablehnte, das unter US-Sanktionen fällt. Trotz des Treibstoffmangels entschieden sich indische Unternehmen, solche Lieferungen nicht zu kaufen, um mögliche restriktive Maßnahmen zu vermeiden.