Die Harvard-Historikerin Jill Lepore hat in der Folge des Podcasts „Hard Fork' von The New York Times vor der Entstehung dessen gewarnt, was sie als „künstliches Staat' bezeichnet – ein System, in dem KI-Algorithmen und die von ihnen gesteuerten Plattformen schrittweise demokratische Institutionen verdrängen und die menschliche Autonomie ersetzen. Ihren Worten zufolge sieht die neue Weltordnung die Steuerung der Gesellschaft nicht mit der Zustimmung der Bürger vor, sondern durch Maschinen, die privaten Konzernen gehören; der Ersatz staatlicher Funktionen durch korporative Strukturen finde, so ihre Einschätzung, bereits auf globaler Ebene statt. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf die Podcast-Folge.
Konzerne statt Staat: So funktioniert der „Ersatz'
Lepore betont, dass digitale Technologien und soziale Medien zu den Hauptvermittlern bei der Monopolisierung der Nachrichtenherstellung, der Verbreitung von Wahlinformationen und der Formierung politischer Meinungen werden. In ihrer Logik bedeutet dies, dass zentrale Funktionen, die historisch von öffentlichen Institutionen wahrgenommen wurden, faktisch in die Hände privater Technologieunternehmen übergehen, deren Entscheidungen von kommerziellen und nicht von bürgerlichen Interessen bestimmt werden. Genau dies, so die Forscherin, bilde den Kern des „künstlichen Staat' – einer Macht, die den Wählern nicht Rechenschaft schuldet.
Isolierung der Gesellschaft und Ersatz demokratischer Verfahren
Einen besonderen Akcent setzt Lepore auf die Zerstörung traditioneller menschlicher Gemeinschaften. Der digitale Raum führe, so ihre Worte, zu Entfremdung und Segmentierung des öffentlichen Lebens: Anstatt sich mit Nachbarn, Experten oder Amtsträgern auszutauschen, wenden sich Menschen immer häufiger an KI, um zu erfahren, wen sie wählen sollen. Damit werde der Mechanismus der politischen Wahlentscheidung selbst ersetzt – vom lebendigen Dialog in der Gesellschaft zur algorithmischen Empfehlung, was, so die Einschätzung der Forscherin, die Grundlage der Demokratie als Wille der Bürger untergrabe.
Der Mythos der „Unvermeidlichkeit' der KI und die Geringschätzung der öffentlichen Meinung
Die Professorin weist zudem darauf hin, dass die Förderung der künstlichen Intelligenz ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Wünsche der Gesellschaft erfolge, die sich häufig gegen den Bau neuer Rechenzentren ausspreche. Die Tech-Eliten würden, so ihre Worte, bewusst den Mythos der „Unvermeidlichkeit' der KI fördern und behaupten, jede Regulierung schade den Innovationen. „Ähnliche Versprechen, Technologien würden die Demokratie automatisch stärken, wurden auch beim Aufkommen von Personalcomputern, Internet und sozialen Medien gemacht; in der Praxis haben sie jedoch neue Bedrohungen geschaffen und die Überwachung der Bürger verstärkt', so Lepore.
Das Buch „Aufstieg und Fall des künstlichen Staat'
Detaillierter behandelt die Forscherin dieses Thema in ihrem Buch „Aufstieg und Fall des künstlichen Staat' (The Rise and Fall of the Artificial State). Zum Zeitpunkt der Podcast-Aufnahme beschrieb sie es als ein Werk in Arbeit; bis Ende August 2026 war das Buch jedoch bereits erschienen und wurde öffentlich diskutiert: The Guardian veröffentlichte eine Rezension, NPR ein Interview mit der Autorin, in dem sie ihre Thesen über die „technologische Übernahme' der öffentlichen Macht weiterentwickelt.
Widersprüchliche Angaben
In den Quellen gibt es Abweichungen hinsichtlich des Status und der Chronologie des Buches. Im Beitrag von RBC-Ukraine, der sich auf die Folge des Podcasts „Hard Fork' stützt, wird „Aufstieg und Fall des künstlichen Staat' als „zukünftiges Buch' dargestellt, an dem Lepore „derzeit arbeite'. Gleichzeitig ist die Rezension von The Guardian auf den 19. August 2026 datiert und das NPR-Interview auf den 25. August 2026, was auf ein bereits erschienenes Werk hindeutet. Die wahrscheinlichste Erklärung: Der Podcast wurde vor der Veröffentlichung des Buches aufgenommen, und der ukrainische Beitrag übernahm die Formulierungen jener Sendung. Lepores Warnung vor dem „künstlichen Staat' wird dabei von allen Quellen einheitlich bestätigt.