Im Zentrum einer neuen, breit diskutierten Debatte in den ukrainischen sozialen Medien steht die Sängerin Nasta Kamensky. In einem aktuellen Interview mit der russischen Journalistin Kateryna Hordijewa sprach die Künstlerin über ihre Erfahrungen beim Wechsel zur ukrainischen Sprache und erklärte die entstandenen Schwierigkeiten mit einer physiologischen Ursache. Ihren Worten zufolge sprach sie etwa ein halbes Jahr ausschließlich Ukrainisch, woraufhin sie ihre Stimme verlor und bei ihr, wie sie behauptet, eine „Zyste“ auftrat. „Ich bin auf die ukrainische Sprache umgestiegen und habe ein halbes Jahr ausschließlich Ukrainisch gesprochen. Und, stell dir vor, bei mir ist eine Zyste aufgetreten und ich habe meine Stimme verloren. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich tun soll, und habe Konzerte abgesagt. Und meine Psychologin hat mir gesagt: „Geh zurück zum Russischen, dein Körper nimmt das nicht an““, erzählte Kamensky. Gerade diese Kombination aus „Zyste – Psychologin – Rückkehr zum Russischen“ wurde schnell zum Anlass für zahlreiche ironische und sarkastische Reaktionen.

Die doppelte Position der Sängerin zur Sprache

In demselben Interview betonte Kamensky, dass sie die ukrainische Sprache für schön halte, und äußerte die Meinung, dass die Ukraine Ukrainisch sprechen solle. Zugleich fügte sie hinzu, dass sie selbst entscheiden wolle, in welcher Sprache sie kommunizieren und singen möchte. Diese widersprüchliche Botschaft – einerseits die Anerkennung des Werts der ukrainischen Sprache für das Land, andererseits der Fokus auf die persönliche Wahl und die „körperliche“ Ablehnung der Sprache – wurde zum Hauptauslöser der Kritik seitens der Kollegen aus der Branche und öffentlicher Persönlichkeiten.

Die Reaktion von Anatoli Anatolitsch

Als einer der Ersten reagierte der Moderator Anatoli Anatolitsch (@anatoliyanatolich) auf die Aussage der Sängerin. Er nannte Kamensky in seinem Beitrag zwar nicht direkt, veröffentlichte aber auf seiner Instagram-Seite einen Ausschnitt aus ihrem letzten Interview und sammelte eine Auswahl bekannter Floskeln, mit denen russischsprachige öffentliche Persönlichkeiten zuvor ihre Unlust oder Schwierigkeiten beim Wechsel zum Ukrainischen erklärt hatten. „Der gekreuzigte Junge in der Unterhose… Der russischsprachige Kiefer… Stört Bulgakov nicht… Bitte setzt diese fantastische Liste fort“, schrieb er und fügte die neue Erklärung mit der „Zyste“ damit faktisch in die lange Reihe ähnlicher Vorwände ein.

Der Sarkasmus von „Kurgan und Agregat“, Natella Kirs und Artur Adamow

Auch die ukrainische Hip-Hop-Gruppe „Kurgan und Agregat“ blieb nicht untätig. Auf Threads erklärten die Musiker ironisch, dass Kamenskys Video ihnen nach einer schweren Nacht der Beschusslagen die Stimmung gehoben habe, und schlugen eine sarkastische „Behandlungsmethode“ vor. „Wow! Nach einer schweren Nacht der Beschusslagen habe ich dieses Video gesehen und es hat mir wirklich die Stimmung gehoben. Wenn einer von euch eine Zyste hat, dann entfernt sie nicht und behandelt sie auf keine Weise, geht einfach auf die russische Sprache um und alles wird sich einrenken“, heißt es in ihrem Beitrag. Die ukrainische Journalistin und Bloggerin Natella Kirs schrieb in einer Ansprache an „Lux FM“, wo zuvor Beiträge mit der Sängerin erschienen waren: „Lux FM, bei euch hat sich eine Zyste eingenistet. Lasst es bitte nicht mehr klingen“. Der Radiomoderator und Content-Producer Artur Adamow montierte seinerseits auf Instagram eine Auswahl verschiedener Erklärungen für die „Schwierigkeiten beim Wechsel zum Ukrainischen“ und beschriftete sie mit: „Die Evolution der Gründe ‚Warum ich mich immer noch auf Russisch unterhalte?‘“, wobei er auch Kamenskys letzte Aussage in die „Evolution“ einbezog.

Widersprüchliche Angaben

Rund um die Aussage der Sängerin gibt es einige Unstimmigkeiten, die es gilt, ordentlich zu sortieren. Erstens ist der medizinische und psychologische Teil der Erzählung – über die „Zyste“, den Verlust der Stimme und den Rat der Psychologin, „zum Russischen zurückzukehren“, weil der „Körper die Sprache nicht annimmt“ – ein ausschließlich persönliches Statement Kamenskys und wird weder durch ein unabhängiges medizinisches Gutachten noch durch einen Kommentar der genannten Fachperson bestätigt; die öffentlichen Gesprächspartner werten diese Geschichte nicht als Tatsache, sondern als rhetorischen Vorwand. Zweitens enthält die Aussage selbst einen inneren Widerspruch: Die Sängerin behauptet einerseits, dass die Ukraine Ukrainisch sprechen solle, und erklärt andererseits ihr Recht, „selbst zu entscheiden“, in welcher Sprache sie singen und kommunizieren möchte – Positionen, die Befürworter eines strengen Sprachstandards für unvereinbar halten. Schließlich sind in den sozialen Medien auch gegensätzliche Bewertungen zu hören: Ein Teil des Publikums nimmt Kamenskys Worte als ehrliches Eingeständnis persönlicher Schwierigkeiten, während ein anderer Teil sie als Fortsetzung der Liste „fantastischer“ Erklärungen auffasst, die Anatolitsch und andere Autoren ironisch festhalten.

Fazit

So wurde die Aussage von Nasta Kamensky über die „Zyste“ und die „körperliche“ Ablehnung der ukrainischen Sprache zu einer neuen Runde der öffentlichen Debatte über die Sprachwahl von Künstlern. Die Reaktionen von Anatoli Anatolitsch, der Gruppe „Kurgan und Agregat“, Natella Kirs und Artur Adamow, die von Styler (ein Unterhaltungsprojekt von RBC-Ukraine) gesammelt wurden, zeigen, dass im ukrainischen Medienfeld derartige Erklärungen immer häufiger auf einen sarkastischen statt auf ein mitfühlendes Echo stoßen, und das Thema „warum ich immer noch Russisch spreche“ wird weiterhin um neue „Evolutionsschritte“ ergänzt.