Der russische Oppositionelle und ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparow äußerte in einem Interview mit der Zeitschrift Politico die Überzeugung, dass Wladimir Putin nicht zu Friedensverhandlungen mit der Ukraine bereit ist. Anstelle von Diplomatie könnte der Kreml eine radikale Eskalation herbeiführen, um die Entschlossenheit der NATO zu testen.
Nach Ansicht Kasparows könnte sich die Situation nach den Parlamentswahlen in Russland im September verschärfen. Der Experte vermutet, dass der nächste Schritt Moskaus nicht ein umfassender Angriff, sondern eine lokale Provokation an der östlichen Flanke des Bündnisses sein wird.
Der Belastungstest für die NATO
Kasparow skizzierte ein beunruhigendes Szenario: Russland könnte versuchen, eine kleine Grenzstadt in Lettland oder Estland zu besetzen. Ziel einer solchen Aktion wäre es, die Bereitschaft der westlichen Partner zu prüfen, ihre Verpflichtungen zur kollektiven Verteidigung einzuhalten.
«Putin könnte in ein NATO-Land einmarschieren, um zu prüfen, ob andere Mitglieder des Bündnisses, vor allem die Vereinigten Staaten, reagieren werden», erklärte der Oppositionelle.
Er warnte davor, dass die Reaktion des Westens von entscheidender Bedeutung sein wird. Sollte die USA dem angegriffenen Land nicht die gebührende Unterstützung leisten, wird der Kreml daraus den Schluss ziehen, dass die NATO ihre Macht verloren hat.
«Wenn die USA nicht helfen, das angegriffene Land zu verteidigen, hat Putin sein Ziel erreicht: Die NATO gibt es nicht mehr», betonte Kasparow.
Fehlende Anzeichen für Frieden
Laut dem Schachspieler gibt es in den Handlungen der russischen Regierung und den Reden des Präsidenten kein einziges Signal für eine Vorbereitung auf das Ende des Krieges. Im Gegenteil, alles deutet auf eine Fortsetzung des Konflikts hin.
«In der russischen Propagandamaschine, in den Handlungen der russischen Regierung und in Putins Reden gibt es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass der Kreml auf Frieden vorbereitet ist. Alle Signale gehen nur in eine Richtung: »Krieg, Krieg, Krieg, Krieg«», stellte Kasparow fest.
Als Beweis für die Absicht des Kremls, die Militäroffensiven fortzusetzen, führte er Gesetzesinitiativen an, die die Mobilisierung erleichtern sollen. Insbesondere geht es um die Abschaffung der obligatorischen medizinischen Untersuchung für einen Teil der Wehrpflichtigen.
Wirtschaftlicher Druck und politische Folgen
Kasparow kommentierte auch die Effektivität der ukrainischen Angriffe auf die russische Infrastruktur. Nach seiner Meinung richten die Angriffe auf militärische und industrielle Objekte bereits Schaden bei den russischen Eliten an und zwingen sie, Geld zu verlieren.
«Die Ukrainer kommen sehr gut zurecht, denn jedes Mal, wenn sie etwas treffen, verliert jemand Geld», erklärte der Oppositionelle.
Gleichzeitig forderte er die europäischen Länder auf, die Suche nach einem Kompromiss mit Moskau aufzugeben und sich auf die Unterstützung Kiews zu konzentrieren. Kasparow ist überzeugt, dass ein Sieg der Ukraine zum Sturz des Regimes führen wird.
«Wir müssen sicherstellen, dass Putin verliert. Denn sobald Putin den Krieg verliert – wird er gestürzt werden», fasste er zusammen.
Schwachstellen der Verteidigung im Baltikum
In Bezug auf mögliche Bedrohungen weisen Experten auf erhebliche Risiken für die baltischen Staaten hin. Zuvor wurde berichtet, dass Russland Litauen innerhalb weniger Monate zur Kapitulation zwingen könnte, selbst ohne den Einsatz von Truppen. Analysten haben kritische Schwachstellen im Verteidigungssystem des Landes identifiziert.
Auch der Experte Walentin Badrak warnte davor, dass die NATO-Länder derzeit nicht auf eine direkte Konfrontation mit der russischen Armee vorbereitet sind. Er erinnerte an die Situation bei den Militärmanövern in Estland, bei denen ukrainische Soldaten auf Mängel in der Vorbereitung des Bündnisses hinwiesen.