Mit den ersten beständigen Kälteeinbrüchen in der Ukraine rückt die Frage der winterlichen Vorbereitung der Städte in den Vordergrund. Für Kiew ist dies besonders akut: Die Energieversorgung der Hauptstadt steht unter ständigem Beschuss, und die Stadt ist zu mehr als 95 % von externen Stromlieferungen abhängig. In einem Interview mit dem YouTube-Kanal „ETO BAZA“ erklärte Oleksandr Wasir, Koordinator des Sektors „Energie und Klima“ des Analysezentrums Ukraine Facility Platform, was die Kiewer von Stromausfällen erwarten können, wie U-Bahn und Wasserversorger ohne externe Stromversorgung arbeiten und wie gut die Hauptstadt auf den Frost vorbereitet ist.
Prognose: 8 bis 20 Stunden ohne Strom bei Frost
Nach Wasirs Einschätzung wird die Dauer der Stromausfälle im Winter stark vom Stadtteil abhängen: Dort, wo bestimmte Infrastruktur beschädigt ist, kann der Strom lange ausbleiben, während Gebiete mit Anschluss an kritische Infrastruktur besser dastellen. Legt man die „Durchschnittstemperatur“ bei konstanten −10 °C zugrunde, nennt der Experte eine Spanne von 8 bis 20 Stunden Stromausfall pro Tag. Dabei hält er 8 Stunden für ein superoptimistisches Szenario, das nur bei Temperaturen um den Gefrierpunkt möglich ist; 12 bis 16 Stunden sind das vermutlich wahrscheinlichste Szenario bei −10 °C; 16 Stunden oder mehr gelten bereits als schlechtes Szenario, wobei es laut ihm noch länger dauern kann.
Drohung der vollständigen Trennung vom Stromnetz
Russland, so der Experte, greift gezielt Unterwerke an, die Strom von außen nach Kiew übertragen: westlich der Hauptstadt, um die Energieübertragung von den AKW Riwne und Chmelnyzkyj zu behindern, sowie ein Unterwerk bei Browary, das die Energieübertragung über den Dnjepr nach Tschernihiw, Poltawa und Charkiw sicherstellt. Gleichzeitig ist Kiews Stromnetz ringförmig verschaltet und hat Verbindungen aus dem Süden, weshalb es äußerst schwierig ist, die Hauptstadt komplett von der Erzeugung abzuschneiden. Wasir betont jedoch, dass das Energiemengenvolumen für die kritische Infrastruktur der Stadt (über 500 MW) sichergestellt werden muss, und garantiert nicht, dass „alles gut wird“. Ein separates Problem sind die Dnjepr-Übergänge: Von 11 Linien sind zwei beschädigt, und die Instandsetzung erfordert einen Spezialkran und Wasserfahrzeuge, was das Verfahren langwierig macht; bei Massenangriffen entsteht eine „Triage“-Situation, in der die Reparaturmittel nicht für alle Linien ausreichen.
U-Bahn und Wasserversorger ohne externe Stromversorgung
Die U-Bahn, so der Experte, wird bei Ausfall der externen Stromversorgung das minimal notwendige Betriebs Niveau aufrechtzuerhalten können. Als erfolgreiches Beispiel nennt er die U-Bahn in Charkiw, wo bereits Gasmotoren installiert wurden und bis Ende des Jahres Batterien hinzukommen sollen, wodurch das System ringförmig verschaltet und ein Teil der Ausrüstung direkt unter der Erde platziert wird. In Kiew, stellt Wasir fest, wurde der Verkehr auf einigen U-Bahn-Linien bereits am 8., 10. und 14. Oktober gestoppt. Bei Wasser ist die Situation komplizierter: Der Wasserversorger hat keine Reserven, um ohne Netzstrom voll zu arbeiten, auch wenn der Kanalisationsbetrieb aufrechterhalten wird.
Wärme und allgemeine Bereitschaft: 2 von 5 Punkten
Im Winter besteht nach Einschätzung des Experten die Möglichkeit, dass sich die Situation mit lang anhaltendem Heizungsausfall in bestimmten Stadtteilen wiederholt. Zur allgemeinen Bereitschaft stellt Wasir fest: Kiew hätte ein Vorbild für andere Städte werden können, aber heute wird das allgemeine Vorbereitungsniveau auf 2 von 5 Punkten eingeschätzt. Sollte die Intensität der Infrastrukturangriffe anhalten, müssen sich die Bewohner der Hauptstadt daher auf lang anhaltende Stromausfälle, Unterbrechungen der Wasserversorgung und lokale Heizungsprobleme in den kältesten Perioden einstellen.