Wenn ein Fremder die Hand nach einem fremden Kind ausstreckt, schaltet die Mutter augenblicklich ihren Schutzinstinkt ein. Was aber geschieht, wenn die Bedrohung nicht mit der Waffe, sondern mit Unterrichtsstunden, Kinderlagern, Militäruniformen und Propaganda kommt? Laut dem Zentrum für nationalen Widerstand (ZnW) hat Russland auf den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine einen systematischen Konveier zum ideologischen „Umerziehen“ Minderjähriger aufgebaut: Hunderte Millionen Rubel fließen dafür, die nächste Generation auf den Dienst in den russischen Streitkräften vorzubereiten und die ukrainische Identität zu tilgen.
Das Ausmaß: Zahlen, die beunruhigen
Laut Schätzung des ZnW wurden in der Krim und in Sewastopol 874 Abteilungen der „Jungen Armee“ (Junarmija) eingerichtet – das sind rund 29.000 Kinder. Auf den besetzten Gebieten der Oblaste Cherson, Saporischschja, Luhansk und Donezk durchliefen allein im Jahr 2024 mindestens 1.290 Kinder die Programme des Zentrums „Woin“. Forscher der Yale School of Public Health zählten mehr als 210 vergleichbare Einrichtungen in Russland und auf den besetzten Gebieten. Zum Maßstab: 29.000 Kinder – das entspricht ungefähr der Zahl der Schüler in 50 bis 60 ukrainischen Oberschulen, es geht also um eine ganze Generation, die systematisch in die militärisch-ideologische Vorbereitung einbezogen wird.
Vom Erstlesebuch bis zum Schützengraben: So funktioniert der Algorithmus
Die Einbindung beginnt im frühesten Alter. In Kindergärten werden die Kinder an die russische Staatssymbolik gewöhnt – an Flaggen, Hymne, Militärfeiertage, Aktionen zum Tag des Sieges und an Malwettbewerbe über „Helden der Spezialoperation“; sie werden in Militäruniformen gekleidet, mit Soldaten fotografiert, und es wird die Wahrnehmung der Armee als selbstverständlicher Teil des Lebens geformt. In den Schulen, so der Chefredakteur der Chersoner Publikation „Most“, Serhij Nykytin, werden in den Stundenplan „Gespräche über das Wichtige“ eingebaut, in denen den Kindern die offizielle Position des Kremls zu Krieg und Geschichte vermittelt wird, und russische Soldaten werden zu „Stunden des Mutes“ eingeladen – genau in dieser Phase werden Minderjährige mit Waffen und Technik vertraut gemacht. Kinder, die in das System geraten, werden mit Fahrten, Lagern, Auszeichnungen und einer „guten Beurteilung“ angeregt, während Eltern, die sich weigern, ihre Kinder in russifizierte Schulen und militärische Organisationen zu geben, von den Besatzungsbehörden – laut Quellen von RBC-Ukraine in den Strafverfolgungsorganen – mit Bußgeldern, Entzug des Sorgerechts und erzwungenem Wegbringen in Heime eingeschüchtert werden.
Geld für den Krieg: Wer den Konveier finanziert
Laut Informationen, die RBC-Ukraine von Quellen in den Strafverfolgungsorganen erhalten hat, hat die russische Bundesagentur für Jugendfragen („Rosmolodjosch“) im Rahmen des Wettbewerbs „Rosmolodjosch. Stipendien“ 878 Mio. Rubel für die Unterstützung kontrollierter Hochschulen und weitere 69 Mio. Rubel für Nichtregierungsorganisationen vergeben. Unter den Stipendienempfängern wird die Besatzungsstruktur „Volksmiliz der DVR“ genannt, die 2,1 Mio. Rubel für die Entwicklung des Zentrums zur Ausbildung von Drohnenbetreibern „ARM“ erhielt. Damit finanziert der Staat nicht nur die propagandistische Arbeit, sondern auch die angewandte militärische Ausbildung der Jugend.
Internationaler Kontext und historische Parallelen
Die illegale Deportation und das Verschieben ukrainischer Kinder sind bereits Grundlage für den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Wladimir Putin geworden. Doch die physische Ausfuhr Minderjähriger ist nur ein Teil des Problems: Ein erheblicher Teil von ihnen bleibt auf den besetzten Gebieten, wo ihr Bewusstsein seit Jahren umgeformt wird. RBC-Ukraine zieht eine Parallele zum osmanischen System der „Deveşirme“, zum nationalsozialistischen Programm „Lebensborn“ zur Verdeutschung slawischer Kinder und zu den stalinistischen Praktiken des NKWD bei der Erziehung von „Mankurten“ in Sonderkindereinrichtungen – in allen Fällen ging es um die gezielte Tilgung des Gedächtnisses und die Herausbildung einer loyalen, bewaffneten Generation.
Widersprüchliche Daten
Die oben genannten quantitativen Kennzahlen (874 Abteilungen, 29.000 Kinder, 1.290 Teilnehmer der „Woin“-Programme im Jahr 2024, mehr als 210 Einrichtungen sowie die Stipendienbeträge der „Rosmolodjosch“) wurden von ukrainischen Forschungsstrukturen – dem ZnW und der Yale School of Public Health – formuliert und stützen sich teilweise auf Daten von Quellen in den Strafverfolgungsorganen, die auf RBC-Ukraine verweisen. Die russischen offiziellen Stellen ihrerseits bestreiten das Vorhandensein einer systematischen Militarisierung und qualifizieren die „Junge Armee“ und vergleichbare Programme als freiwillige patriotische Bewegung und nicht als erzwungene Vorbereitung auf den Militärdienst. In dem vorliegenden Material ist keine unabhängige Kreuzverifizierung der genannten Zahlen anhand offener russischer Stipendiendatenbanken enthalten; die konkreten Beträge und Zähler sind daher als Daten einer Konfliktpartei zu betrachten, während die bloße Existenz von Programmen der militärisch-patriotischen Erziehung Minderjähriger auf den besetzten Gebieten durch zahlreiche Quellen bestätigt wird.