Der bekannte ukrainische Filmregisseur und Produzent Alexej Komarowski hat in einem Interview mit der Ausgabe Wave RBC.UA bei mehreren umstrittenen Fragen des inländischen Kinos die Punkte über den „i“ gesetzt: von der Rolle von Bloggern mit Millionen Followern vor der Kamera bis zur Natur des „Kumovstvo“ (Vetternwirtschaft) bei Castings. In den letzten Jahren hat Komarowski die Filmindustrie praktisch von allen Seiten ausprobiert – von der Regiearbeit bis zur Bewertung von Förderanträgen im Rahmen des Programms „Tysjachwesna“. Genau diese doppelte Erfahrung ermöglicht es ihm, so seine Worte, den sich wiederholenden Pool an Schauspielern in ukrainischen Filmen ohne die übliche Irritation zu betrachten und nach systemischen statt verschwörungstheoretischen Erklärungen zu suchen.

Blogger gegen Schauspieler: die 95-Prozent-Regel

Auf die direkte Frage, wen ein Produzent für die Hauptrolle wählen würde – einen professionellen Schauspieler oder einen Blogger mit Millionenpublikum – schlug Komarowski vor, die Aufgabe umzuformulieren: Wenn sich ein Profi und eine Medienpersönlichkeit um eine Journalistenstelle bewerben, geht die Redaktion von der Aufgabe und dem Genre aus. Im Kino, so seine Einschätzung, fällt die Wahl in 95 % der Fälle, insbesondere bei Hauptrollen, auf den Profi. Ausnahme sind die 3–5 % der Projekte, bei denen das Konzept um eine konkrete Medienpersönlichkeit herum aufgebaut ist. Als klassisches Beispiel nannte der Regisseur Eminem im Film „8 Meilen“: Dieser war kein Filmschauspieler, aber der Film stützte sich in erheblichem Maße auf seine Biografie und sein näheres Umfeld. „Ein professioneller Schauspieler in der Hauptrolle – das ist die Regel. Eine Medienpersönlichkeit – die Ausnahme, für die ein konkreter Grund vorliegen muss“, fasste Komarowski zusammen. Dabei wies er darauf hin, dass es heute auch professionelle Schauspieler mit Millionenpublika in sozialen Netzwerken gibt, die Anzahl der Follower aber die Passung zur Rolle und das handwerkliche Können nie ersetzen wird.

„Der Zug der Filmstars“: warum derselbe Pool an Schauspielern

Auf die Frage, warum in ukrainischen Filmen und Serien regelmäßig ein begrenzter Kreis von Personen auftaucht, verwendete Komarowski die Metapher des „Zugs der Filmstars“: In ihm gibt es hundert Plätze, aber Hunderttausende möchten einsteigen. Eine bestimmte Gruppe von Schauspielern fährt jahrelang oder sogar jahrzehntelang von Station A nach Station B, solange der Zuschauer sie sehen möchte und die Produzenten sie in neue Projekte einladen. Dann steigt jemand aus, seinen Platz nimmt ein anderer ein – und der Zug fährt weiter. Gerade die Begrenztheit und die Zeitlichkeit dieser Plätze schaffen, so der Regisseur, das Phänomen der Filmstar. Er betonte, dass dies keine ukrainische Besonderheit ist: Leonardo DiCaprio, Anne Hathaway, Timothée Chalamet, Zendaya, Emma Stone und andere tauchen ebenfalls ständig in großen weltweiten Projekten auf. „Neue Talente gibt es, sie werden ständig gesucht. Aber man kann kein talentiertes Talent finden und sofort einen Film für es erstellen. Filme werden nicht für Schauspieler gemacht – sie werden für das Publikum gemacht“, fügte Komarowski hinzu und erinnerte daran, dass selbst ein sehr talentierter Schauspieler lange auf seine Rolle warten kann.

Castings und der Mythos der Vetternwirtschaft

Auf die Frage nach der Transparenz der Castings und dem Vorhandensein von Vetternwirtschaft antwortete der Regisseur, dass ein Filmcasting kein staatliches Vergabeverfahren sei, daher seien die Begriffe „Transparenz“ und „Vetternwirtschaft“ hier nicht ganz angemessen. Das kreative Team wird entsprechend der Vision des Regisseurs und des Produzenten zusammengestellt: Der eine ruft ein offenes landesweites Casting aus, der andere lädt zehn konkrete Schauspieler ein, der dritte schreibt eine Rolle für eine Person – das sind verschiedene kreative Methoden. Komarowski selbst plant für seinen neuen Film „Zum ersten Mal“ ein offenes nationales Casting, hält es aber für nicht richtig, darauf zu bestehen, dass dies das einzige zulässige Format sei. Was die Bekanntschaften angeht, räumte der Regisseur ihr Vorhandensein ein, nannte es aber keine Vetternwirtschaft, sondern kreatives Vertrauen: Scorsese arbeitet seit Jahrzehnten mit DiCaprio und De Niro zusammen, Woody Allen drehte mehrfach mit Scarlett Johansson, Tim Burton – mit Johnny Depp, Christopher Nolan – mit Michael Caine. „Wenn der Regisseur die Möglichkeiten des Schauspielers, seinen Temperament und ihn in der nächsten Rolle sieht, dann ist das natürlich“, erläuterte er.

Risiko in Kriegszeiten und Fördergutachten

Gesondert hielt Komarowski bei dem Thema Risiko in der modernen ukrainischen Filmproduktion inne. Nach seinen Worten begleitet heute jedes Projekt ein Risiko: Einen bekannten Schauspieler zu nehmen – das ist ein Risiko, einen Unbekannten – ein anderes. In seinem nächsten Film „Zum ersten Mal“ beabsichtigt der Regisseur, viele neue Gesichter zu verwenden, insbesondere unter den jungen Schauspielern, und neue Namen werden unbedingt auftauchen – „einfach nur müssen für jeden Talent, Rolle und Moment zusammenkommen“. Mit der Erfahrung als Gutachter des Förderprogramms „Tysjachwesna“ teilte Komarowski in demselben Interview mit und bemerkte, dass die Bewertung von Anträgen einen systemischen Blick auf das Projekt erfordert, nicht nur auf den Namen des Regisseurs. Zum Abschluss des Gesprächs betonte er, dass der ukrainischen Filmindustrie in Kriegszeiten eine nachhaltige staatliche Unterstützung von entscheidender Bedeutung ist, ohne die weder Castings noch Produktion noch Verleih in eine langfristige Strategie eingebaut werden können.