Andrij Kowalenko, der ehemalige Leiter des Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation und Leutnant der ukrainischen Streitkräfte, hat im RBC-Ukraine-Podcast „ETO BAZA“ eine ausführliche Analyse der aktuellen globalen Sicherheitsarchitektur und des Zustands des NATO-Bündnisses vorgelegt. Seiner Einschätzung nach basieren das fundamentale Modell der westlichen Welt und die Struktur des Nordatlantischen Bündnisses nach wie vor auf Prinzipien aus der Zeit des Kalten Krieges, als die dominante Rolle der USA das Kräftegleichgewicht für ein schwächeres Europa sicherte. Kowalenko betonte, dass das globale Sicherheitssystem nicht nur den europäischen Kontinent, sondern auch Japan, Südkorea und die gesamte Indopazifische Region umfasst, was die Stabilität des amerikanischen Ankers für alle Teilnehmer des Systems von entscheidender Bedeutung macht.
Wirtschaftliches Gewicht Europas und die Rolle der nordischen Staaten
Bei der Erörterung der inneren Struktur des europäischen Blocks stellte Kowalenko fest, dass Deutschland und Frankreich wirtschaftlich nach wie vor die stärksten Akteure in Europa sind. Seiner Meinung nach könnten jedoch gerade die nordischen Länder – die skandinavischen Staaten – langfristig die Hauptbastion der Stabilität innerhalb des Bündnisses werden. Diese Thesen führte er im Kontext möglicher politischer Verschiebungen in den größten europäischen Volkswirtschaften an, die seiner Einschätzung nach den prowestlichen Kurs und die Einheit des Blocks schwächen können.
Der britische Faktor und Instrumente der russischen Propaganda
Ein separater Block von Kowalenkos Überlegungen war der Rolle Großbritanniens im westlichen Sicherheitssystem gewidmet. Er erklärte, dass der britische Geheimdienst den amerikanischen in vielen Komponenten übertreffe und Russland ein strategischer Gegner des Vereinigten Königreichs sei. Vor diesem Hintergrund versuche die russische Propaganda gezielt, die westliche Einheit zu destabilisieren. Kowalenko erklärte, es sei für Moskau von Vorteil, das Narrativ zu verbreiten, Großbritannien „kontrolliere“ die Ukraine, sowie in den US-Informationsraum die These einzuspeisen, London agiere gegen amerikanische Interessen und Europa solle keine Hilfe leisten, da Großbritannien als „Marionettenspieler“ auftrete. Seiner Einschätzung nach zielen solche Manipulationen darauf ab, das Vertrauen zwischen den wichtigsten Mitgliedern des Bündnisses zu untergraben.
Politische Risiken und das Szenario einer US-Schwächung
Kowalenko erklärte direkt, dass eine Schwächung der Vereinigten Staaten sowohl für die Ukraine als auch für Europa kritisch nachteilig sei, da sie komplexe Sicherheitskrisen nach sich ziehen werde. Er verknüpfte dieses Risiko mit möglichen politischen Veränderungen in den EU-Schlüsselländern und erwähnte das Szenario, in dem die Alternative für Deutschland (AfD) Wahlen in der Bundesrepublik und Marine Le Pen in Frankreich gewinnen könnten. In einem solchen Fall, so sagte er, „werden die nordischen Länder die Bastion des Bündnisses in Europa bleiben.“ Kowalenko fasste zusammen: „Schwache USA sind weder für uns noch für Europa von Vorteil. Denn dann werden wir eine schwierige Situation in Europa sehen, einschließlich der Sicherheit.“
Strategischer Kontext und Bedeutung der Erklärung
Kowalenkos Auftritt erfolgte vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussion über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen und die Nachhaltigkeit der kollektiven Sicherheit in einer multipolaren Welt. Seine Einschätzung unterstreicht, dass die Bewahrung einer effektiven amerikanischen Rolle aus Sicht ukrainischer Experten eine zentrale Bedingung für die Stabilität der gesamten westlichen Sicherheitsarchitektur bleibt. RBC-Ukraine hat versprochen, die vollständige Version des Podcasts „ETO BAZA“ mit Kowalenko auf dem YouTube-Kanal der Publikation zu veröffentlichen.