Die Situation mit der Kraftstoffversorgung in Russland tritt in eine neue Phase ein. Während ukrainische Angriffe zuvor hauptsächlich große Raffinerien trafen, verlagert sich der Fokus nun auf Schiffe des „Schattenflottas“. Experten und lokale Behörden stellen fest, dass sich der Treibstoffkrise in der RF dank dieser Richtungsänderung allmählich abschwächt, obwohl der Mangel nicht verschwunden ist.

Taktikwechsel: Von Raffinerien zu Tankern

In den letzten zwei Wochen hat sich das Profil der Angriffe verändert. Das Ausmaß der Angriffe auf die Infrastruktur hat abgenommen, da die Ziele kleiner geworden sind. Gleichzeitig ist die Anzahl der Angriffe auf Schiffe, die Russland für den Erdölexport nutzt, deutlich gestiegen. Vom 8. bis 20. Juli wurden mindestens 124 Schiffe angegriffen, darunter 89 Tanker.

Ben Barry, Wissenschaftler am Londoner Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS), stellt fest, dass die Ukraine das Spektrum der Ziele erweitert und zwischen ihnen wechselt. Diese Strategie soll den Gegner über die nächsten Angriffe im Unklaren lassen, was es Russland erheblich erschwert, Verteidigungsanlagen zu platzieren und Raketen zu neutralisieren.

Regionale Zersplitterung: Moskau gegen Sibirien

Trotz der Aussagen der Behörden über verbesserte Lieferungen bleibt die tatsächliche Lage an den Tankstellen ungleichmäßig. Es gibt keine verlässlichen unabhängigen Statistiken, die die offiziellen Berichte bestätigen, doch Daten aus sozialen Medien und die Überwachung der Lage deuten auf eine Verbesserung der Versorgung an einigen Standorten hin.

Stand 22. Juli sah die Situation wie folgt aus:

  • In Moskau war Kraftstoff an 54 % der Tankstellen verfügbar.
  • In Sankt Petersburg konnte an 61 % der Tankstellen mindestens eine Kraftstoffsorte gefunden werden.
  • Gleichzeitig unterschied sich die Situation in Krasnojarsk und Nowosibirsk drastisch: Kraftstoff war dort nur an etwas mehr als 20 % der Stationen verfügbar.

Die Begrenzung des Benzinverkaufs pro Fahrzeug bleibt weiterhin in Kraft, obwohl die Kontingente in einigen Gebieten schrittweise erhöht werden.

Ökonomie des Mangels und Rekordzahlen

Die Wiederherstellung der Lieferungen verläuft langsam, und der Mangel ist noch lange nicht überwunden. Nach Schätzungen der Analytikeragentur EA Analytics wird die Erdölverarbeitung in Russland im Juli durchschnittlich 3,511 Millionen Barrel pro Tag betragen. Dies ist der niedrigste Wert seit Mai 2002.

Dieses Verarbeitungsvolumen liegt mehr als ein Drittel unter der saisonalen Norm für das Land. Dies zeugt von einem anhaltenden schweren Mangel an Mineralölerzeugnissen und einem unvermeidlichen Anstieg der Kraftstoffpreise.

Folgen für das Militär und die Bevölkerung

In den letzten zwei Monaten haben ukrainische Drohnen bis zu 40 % der russischen Erdölverarbeitung lahmgelegt, und ein Drittel des Landes blieb ohne Kraftstoff. Der Treibstoffkrise hat etwa 50 Millionen Bürger der RF betroffen. Das Problem betraf auch das Militär: In der russischen Armee trat ein Kraftstoffmangel auf, und die Besatzer beklagen, dass es praktisch nichts gibt, um die Technik zu betanken.

Wladimir Putin gab die Probleme mit der Kraftstoffversorgung zu, erklärte jedoch, dass die Situation „nicht kritisch“ sei. Um den Mangel auszugleichen, begann Russland, Benzin aus Belarus umzuleiten, das zuvor für Länder Zentralasiens bestimmt war. Selbst rekordverdächtige Mengen solcher Lieferungen reichen jedoch nicht aus, um den Mangel vollständig zu beheben.

Die regionalen Behörden fordern die Einwohner weiterhin auf, sich auf weitere Schwierigkeiten vorzubereiten, bis sich die Lage auf dem Kraftstoffmarkt endgültig stabilisiert hat.