Im Kreml wurde eine neue Version der „Rechtfertigung“ für den vollumfänglichen Einmarsch Russlands in die Ukraine formuliert. Laut dem Berater des russischen Präsidenten, Anton Kobjakow, hätten die russischen Streitkräfte angeblich einen „Angriff“ der ukrainischen Verteidigungskräfte auf russisches Gebiet „verhindert“, indem sie einen angeblich von Kiew geplanten Sturm vorausnahmen. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf TASS. Die Erklärung fiel vor dem Hintergrund anhaltender Angriffe und gegenseitiger Vorwürfe beider Seiten sowie vor dem Hintergrund kürzlicher Drohungen der russischen Botschaft in London.
Neue „Rechtfertigung“ aus dem Kreml
„Das ist inzwischen fast in Vergessenheit geraten, also ist es höchste Zeit, daran zu erinnern: Die Dokumente, die unsere Militärs noch zu Beginn der „speziellen Militäroperation“ in einem verlassenen Stabsgebäude einer Brigade der ukrainischen Streitkräfte fanden, wiesen ein konkretes Datum für den Einmarsch in Russland aus – den 8. März 2022“, erklärte Kobjakow. Seiner Behauptung zufolge habe der Beginn des russischen Einmarsches am 24. Februar 2022 das geplante Vorrücken der ukrainischen Streitkräfte auf russisches Gebiet angeblich um zwei Wochen vorausgenommen. Damit versucht der Kreml erneut, die Aggression als „präventive“ Maßnahme darzustellen.
„Geschenk“ zum 8. März
„Symbolisch – man wollte uns den Krieg als „Geschenk“ zum Frauentag präsentieren. Und sie bekamen, dank der Weitsicht der russischen Führung, die „schwarze Marke“ unseres, bisher gemeinsamen, militärischen Feiertags“, fügte der Berater hinzu. Außerdem wiederholte er den propagandistischen Topos, wonach der Westen angeblich nur „den Anschein eines Befürworters der Minsker Abkommen“ gemacht habe, in Wahrheit aber die Ukraine auf den Krieg vorbereitet habe. Keines der angeführten Argumente wird durch öffentlich überprüfbare Beweise gestützt.
Widersprüchliche Angaben
Die Version des Kremls widerspricht direkt der Position der anderen Seite und allgemein zugänglichen Fakten. Die russische Seite beharrt darauf, dass im „verlassenen Stabsgebäude“ Dokumente über einen „Plan des Einmarsches der Ukraine in Russland am 8. März 2022“ gefunden wurden, und nutzt dies als Beweis für den „präventiven“ Charakter ihrer eigenen Handlungen. Gleichzeitig wurden weder diese Dokumente noch ihre Echtheit öffentlich vorgelegt oder von unabhängigen Quellen bestätigt; die Ukraine und ihre westlichen Partner weisen den Narrativ eines „geplanten ukrainischen Einmarsches“ konsequent zurück. Damit stehen sich zwei unvereinbare Versionen gegenüber: eine propagandistische Konstruktion des Kremls und das Fehlen jeglicher öffentlicher Beweise, auf die sie sich stützen könnte.
Kontext: Drohungen gegen London und die Antwort Großbritanniens
Die Erklärung Kobjakows fiel vor dem Hintergrund einer scharfen Rhetorik rund um die Waffenlieferungen. Am Vortag hatte die russische Botschaft in London Großbritannien nach Berichten über die Nutzung britischer Drohnen durch die Ukraine für Angriffe auf Ziele auf russischem Gebiet „Konsequenzen“ angedroht. In London wurde daraufhin erklärt, man werde der Ukraine weiterhin Waffen und Ausrüstung zur Abwehr der russischen Aggression liefern und die militärische Unterstützung der Ukraine nicht reduzieren.
Die neue „Rechtfertigung“ aus dem Kreml wirkt daher nicht wie ein Argument, sondern wie ein Element einer Informationskampagne, die darauf abzielt, die Verantwortung für den Krieg auf die Ukraine und den Westen abzuwälzen. Für den Leser ist es wichtig, zwei Ebenen zu trennen: die Tatsache, dass eine solche Erklärung abgegeben wurde (bestätigt), und den Inhalt der Erklärung selbst (streitige, nicht durch Beweise gestützte Propaganda).