Der italienische, staatlich kontrollierte Rüstungskonzern Leonardo vertieft seine Präsenz in der Ukraine über die neu gegründete Kiewer Tochtergesellschaft Leonardo Ukraine, die zu 100 % im Eigentum von Leonardo International steht und ein Stammkapital von über 100.000 Euro aufweist. Das Unternehmen, über das erst im vergangenen Monat öffentlich bekanntgegeben wurde, wird sich mit wissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Entwicklungen im Verteidigungsbereich befassen. Laut Leonardo-Generaldirektor Lorenzo Mariani, der den Konzern Anfang 2026 übernahm, habe der ukrainische Sektor kleiner und mittlerer Unternehmen sowie Start-ups eine hohe Erfindungsgabe bei der Entwicklung innovativer und bereits im Einsatz bewährter Lösungen gezeigt; diese Erfolge direkt vor Ort zu bündeln, sei seiner Ansicht nach der „richtige Weg nach vorn“.

Das System Michelangelo und Tests in der Ukraine

Ein zentraler praktischer Schritt der Zusammenarbeit wird die Einbindung der Kiewer Tochtergesellschaft in die Entwicklung des Luft- und Raketenabwehrsystems Michelangelo sein. Das erste Systemmodul – die Drohnenabwehr – wird bereits in Italien erprobt, während in der Ukraine laut Mariani zunächst die artilleristische Verteidigungsebene aufgestellt wird; der erste Test in der Ukraine ist bis Ende 2026 geplant. Das System wird bereits Exportkunden angeboten, die Schutz vor Drohnen und ballistischen Bedrohungen benötigen; Leonardo richtet sich dabei in erster Linie an bestehende Kunden, die seine Sensoren einsetzen, da diese die Vorteile einer Integration dieser Sensoren in eine umfassendere Verteidigungsarchitektur leichter bewerten können.

Widersprüchliche Angaben

In den öffentlichen Aussagen der Leonardo-Führung zum Thema Michelangelo zeigt sich ein Unterschied in den Schwerpunkten, der mit dem Wechsel des Generaldirektors zusammenhängt. Der frühere Konzernchef Roberto Cingolani, dessen Worte zuvor von RBC-Ukraine zitiert wurden, hatte erklärt, das erste Modul des „Schildes“ werde genau für die ukrainischen Partner gebaut und die Ergebnisse seines Einsatzes an der Front müssten die Wirksamkeit des Ansatzes bestätigen. Der amtierende Leiter Lorenzo Mariani beschreibt hingegen ein gestufteres Schema: Das Drohnenabwehrmodul wird in Italien erprobt, in der Ukraine wird zunächst die artilleristische Ebene aufgestellt, und ein vollständiger Test des Systems auf ukrainischem Gebiet wird bis Ende des Jahres erwartet. Beide Versionen widersprechen sich im Wesentlichen nicht, unterscheiden sich jedoch darin, welches genau Systemmodul und in welcher Reihenfolge auf den ukrainischen Abschnitt verlegt wird – ein Punkt, der bei der Interpretation der Zeitpläne und des Umfangs der Tests zu berücksichtigen ist.

Strategie des europäischen Verteidigungspotenzials

Der Ansatz von Leonardo fügt sich in die umfassendere Strategie Marianis ein, das europäische Verteidigungspotenzial durch Partnerschaften und industrielle Zusammenschlüsse auf dem Hintergrund der Schwächung des transatlantischen Bündnisses aufzubauen. Der Konzernleiter, der zuvor MBDA führte, ist überzeugt, dass Europa in der Lage ist, Systeme zu entwickeln, die mit amerikanischen vergleichbar sind, wenn die Länder ihre Ressourcen bündeln und ihre Beschaffungen koordinieren; als Beispiel nannte er das neueste Raketenabwehrsystem SAMP/T des Gemeinschaftsunternehmens Eurosam (MBDA und Thales), das er als mindestens ebenso wirksam wie das amerikanische Patriot bezeichnete. Eine ähnliche Logik hatte Leonardo bereits in Partnerschaften mit dem deutschen Rheinmetall im Bereich der Bodensysteme und mit dem türkischen Baykar im Bereich der Drohnen angewandt; Mariani fügte hinzu, dass das Unternehmen für neue Allianzen offen bleibe, wo diese Investitionen beschleunigen oder Fähigkeiten ausgleichen könnten, die die europäische Industrie nicht selbst entwickelt habe.

Das Weltraumprojekt Bromo als Test der europäischen Integration

Neben den Verteidigungsprogrammen nannte Mariani Zeitpläne für das Weltraumprojekt Bromo, das Leonardo gemeinsam mit Airbus und Thales entwickelt. Laut seinen Angaben verlief der Abstimmungsprozess gut: Die Struktur ist für einen vollständigen Start zum 1. Januar 2028 ausgelegt, und bei zügiger Bewältigung der Verfahrensschritte könnte die Arbeit bereits ab Mitte 2027 beginnen. Das Projekt Bromo, das derzeit ein europäisches regulatorisches Verfahren durchläuft, wird als Test dafür betrachtet, ob Europa in der Lage ist, industrielle Champions durch die Bündelung der Fähigkeiten verschiedener Länder zu schaffen: Es soll Europa ein größeres Maßstab in der Weltraumbranche verschaffen und helfen, den technologischen Rückstand gegenüber den USA im Bereich der Satellitenkommunikation auf dem Hintergrund des wachsenden Dominanz von SpaceX zu verringern.