Der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs hat die Bürger öffentlich davon überzeugt, dass keine unmittelbare Gefahr eines russischen militärischen Einmarsches bestehe. Gleichzeitig bereitet die Regierung die Ausrufung eines Notstands in den östlichen Grenzgebieten vor. Dies teilte der Präsidentenberater Mārtiņš Dzegariņs mit, dessen Worte RBC-Ukraine unter Berufung auf die lettische Agentur LETA/Otkrito übertrug. Nach seinen Angaben hat sich die Bewertung der direkten militärischen Bedrohung für den Staat nicht verändert, dennoch bleibt die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Russland hybride Operationen durchführt – Sabotageakte, Cyberangriffe und Verletzungen des Luftraums, mit denen Lettland und die NATO-Verbündeten regelmäßig konfrontiert sind.
Notstand: Was ist im Entwurf der Verordnung enthalten
Das lettische Ministerium für Klima und Energie hat einen Entwurf einer Verordnung über die Ausrufung eines Notstands bis zum 1. Dezember in den östlichen Grenzgebieten vorbereitet. Das Dokument befindet sich derzeit noch in der Entwurfsphase und ist noch nicht in Kraft getreten. Die in der Verordnung vorgesehenen Maßnahmen umfassen drei Schlüsselbereiche: Gesundheitswesen, Energieversorgung und Wasserwirtschaft. Zur Begründung der Notwendigkeit der Ausrufung des Notstands beruft sich Riga auf Eskalationsrisiken seitens Russlands sowie auf festgestellte Fälle des Auftretens unbemannter Luftfahrzeuge und anderer unbekannter Objekte im Luftraum in der Nähe der Staatsgrenze. Besonders hervorgehoben wird, dass die Rigaer Verwaltung betont: Die Entscheidung bedeutet keine Überarbeitung der Gesamtbewertung der militärischen Bedrohung, sondern ist eine präventive Maßnahme vor dem Hintergrund zunehmender hybrider Aktivität.
Position Rigas zu NATO und Verbündeten
Im Statement von Mārtiņš Dzegariņs erklang ein Dank an die NATO-Verbündeten: „Wir schätzen die politischen, diplomatischen und militärischen Bemühungen der NATO-Verbündeten, einschließlich der USA, zur Stärkung der regionalen Sicherheit hoch.“ Diese Aussage erfolgte vor dem Hintergrund von Berichten über den kürzlichen Besuch des CIA-Direktors John Ratcliffe in Moskau, der laut dem Magazin Politico darauf abzielte, die russische Seite vor eskalatorischen Handlungen gegenüber den baltischen Staaten zu warnen. Eine mit der Sache vertraute Quelle, die Politico zitiert, wies darauf hin, dass „das Hauptziel des Besuchs die Absicherung vor eskalatorischen Handlungen gegenüber den baltischen Staaten war“. Laut amerikanischen Medien rief der CIA-Chef Moskau auch dazu auf, die militärische und wirtschaftliche Unterstützung des Iran zu reduzieren.
Reaktion Moskaus und Kiews auf die Geheimdienstkontakte
Der Direktor des russischen Auslandsgeheimdienstes Sergej Naryschkin bestätigte erstmals öffentlich die Tatsache von Verhandlungen mit dem CIA-Chef John Ratcliffe in Moskau und bezeichnete das Treffen der Geheimdienste als „gewöhnliche Sache“. Damit erhielt der ursprünglich nicht öffentlich gemachte Besuch eine offizielle Bestätigung seitens der russischen Führung. Auch in Kiew reagierte man auf diese Kontakte: Der Leiter des Präsidialamts Kyrylo Budanow erklärte, dass während des Besuchs des CIA-Chefs in Russland der Krieg in der Ukraine unter den besprochenen Themen war. Somit betont jede Seite verschiedene Aspekte der Verhandlungen: Riga und Washington unterstreichen den baltischen Fokus, Moskau den routinemäßigen Charakter der Kontakte, Kiew die ukrainische Agenda.
Widersprüchliche Daten
Den verfügbaren Quellen zufolge bestehen Abweichungen in den Schwerpunkten und Formulierungen. Einerseits betont die lettische Seite, dass die Bewertung der direkten militärischen Bedrohung „sich nicht verändert“ habe und der Notstand präventiven Charakter habe und sich genau auf hybride Risiken beziehe. Andererseits zeigt die bloße Tatsache der Vorbereitung einer Verordnung über die Ausrufung eines Notstands bis zum 1. Dezember, dass die interne Risikobewertung im Grenzgebiet sich im Vergleich zum vorherigen Zeitraum deutlich verschärft hat. Außerdem wird der Charakter der Verhandlungen in Moskau unterschiedlich interpretiert: Politico verweist auf das „Hauptziel“ – die Sicherheit des Baltikums, während Budanow behauptet, dass auch das ukrainische Thema eine Rolle spielte. Keine dieser Fakten widerlegt den anderen, jedoch erzeugt die Abweichung in der Priorisierung der Agenda ein uneindeutiges Bild. Schließlich bleibt das Dokument über den Notstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein Entwurf und keine in Kraft getretene Verordnung, was bei der Interpretation des Bedrohungsgrades zu berücksichtigen ist.
Breiterer Kontext: Hybride Bedrohungen an der Ostflanke der NATO
Die Nachbarstaaten Lettlands – Estland und Litauen – registrieren ebenfalls regelmäßig hybride Bedrohungen und treffen Maßnahmen zum Schutz der Ostgrenzen des Bündnisses. Laut korrespondent.net plant Lettland, die Grenze zu Russland mit Drohnen-Erkennungssystemen auszustatten, was auf einen systematischen Charakter der Vorbereitung der Infrastruktur auf mögliche Luftraumverletzungen hinweist. Die Gesamtheit dieser Maßnahmen – von legislativen (Notstandsentwurf) über technische (Erkennungssysteme) bis hin zu diplomatischen (Besuche auf CIA-Ebene) – bildet eine mehrstufige Abschreckungsstrategie, die Riga in Koordination mit den NATO-Verbündeten umsetzt.