Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz bereitet sich darauf vor, Russland offiziell für den Versuch eines Drohnenangriffs auf den Flughafen „Leipzig/Halle“ verantwortlich zu machen und „breite“ direkte Sanktionen gegen russische Strukturen anzukündigen. Dies teilten drei Beamte unter der Bedingung der Anonymität den Medien Politico und Welt am Sonntag mit. Ihren Angaben zufolge sieht der Regierungsplan Maßnahmen vor, die weit über diplomatische Noten hinausgehen: Es geht um eine Verschärfung des Sanktionsdrucks und möglicherweise um umfangreichere Waffenlieferungen an die Ukraine. Die Ankündigung ist für den Anfang der kommenden Woche geplant und soll voraussichtlich mit dem Treffen der EU-Außenminister in Irland zusammenfallen, allerdings könnte Merz sie auf einen früheren Zeitpunkt vorziehen.
Der Plan Berlins: von der Ausweisung von Diplomaten zu direkten Sanktionen
Laut einem der Politico-Interviewpartner reicht es angesichts des Vorfalls in Leipzig nicht mehr aus, einzelne Diplomaten auszuweisen oder das Russische Haus in Berlin zu schließen – Schritte, die Deutschland nach früheren hybriden Angriffen unternommen hatte. Jetzt, so behaupten die Beamten, seien „härtere Maßnahmen“ erforderlich. Die konkrete Liste der Sanktionen wird nicht offengelegt, doch die Quellen betonen, dass es um direkte Schläge gegen russische Strukturen geht und nicht nur um parallele europäische Pakete. Wie weit Berlin gehen wird – bis hin zur Verantwortlichmachung einzelner russischer Persönlichkeiten oder der gesamten russischen Regierung – bleibt vorerst unklar. Gleichzeitig ist das Kanzleramt den Angaben derselben Quellen zufolge auf eine scharfe Reaktion Moskaus vorbereitet und erwägt Szenarien gegenseitiger Vergeltungsmaßnahmen seitens Russlands.
Das Brüsseler Paket: 1600 Positionen und die Frage der eingefrorenen Vermögenswerte
Parallel zu den nationalen Maßnahmen bereitet Deutschland ein weiteres umfassendes Sanktionspaket auf EU-Ebene vor. Seine Erörterung ist für das informelle Treffen der EU-Außenminister am Dienstag und Mittwoch im County Wicklow (Irland) geplant. Laut einem Diplomaten befinden sich derzeit 1600 Sanktionspositionen – 800 natürliche Personen und 800 Unternehmen aus Russland – in Prüfung. Die Annahme des Pakets wird für Mitte Oktober erwartet. Separat, so ein anderer Diplomat, wird erneut die Frage der Nutzung eingefrorener Vermögenswerte russischer Staatsbanken aufgeworfen. Dies ist ein langfristiger Prozess, der die Zustimmung Belgiens erfordert, wo die Regierung von Bart De Weer konsequent gegen eine solche Initiative argumentierte und vor gegenseitigen Schritten Moskaus fürchtete. Der größte Teil der in der EU eingefrorenen Reserven der russischen Zentralbank wird beim Brüsseler Euroclear verwahrt.
Chronik des Vorfalls: vom An-124 bis zur Verbindung zum GRU
Erinnerung: Eine Drohne mit Sprengstoff wurde Anfang August 2026 am Flughafen „Leipzig/Halle“ in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeugs vom Typ An-124 entdeckt. Der US-Geheimdienst verknüpfte den Vorfall mit dem russischen GRU. Kanzler Merz hatte zuvor versprochen, alle Beteiligten zu benennen. CIA-Direktor John Ratcliffe warnte während seines Besuchs in Moskau die russische Seite vor einer weiteren Eskalation im Rahmen der NATO. Am Dienstag erklärte Merz, dass der Vorfall in Leipzig „ernste Konsequenzen haben werde“, ohne jedoch die konkrete Seite zu nennen, die für den Angriff verantwortlich ist.
Offizielle Position: „Wir spekulieren nicht“
Auf eine Anfrage von Politico hin betonte ein Sprecher der deutschen Bundesregierung, dass das Kanzleramt „nicht spekuliert“ und dass nur die offizielle Zuschreibung der Schuld nach Abschluss der Ermittlungen von Bedeutung sei. Merz selbst erklärte in einer öffentlichen Rede: „Der Drohnenangriff in Leipzig zeigt unter anderem, dass wir mit ganz realen Bedrohungen konfrontiert sind. Die Bundesregierung lässt die Urheber hybrider Angriffe dafür bezahlen. Sie werden dafür bezahlen.“ Zwischen der offiziellen Rhetorik „bis zum Abschluss der Ermittlungen“ und der faktischen Vorbereitung der Sanktionsantwort entsteht somit eine zeitliche Lücke, die nach Einschätzung von Beobachtern mehrere Tage betragen könnte.