Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine für nächste Woche geplante Reise nach New York überraschend abgesagt. Dort sollte er vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen und den Henry-Kissinger-Preis entgegennehmen. In einer Erklärung des Kanzleramts wird betont, dass der Kanzler „entgegen den ursprünglichen Plänen nächste Woche nicht nach New York reisen wird, da seine Anwesenheit in Berlin erforderlich ist“. Anstelle des USA-Besuchs wird Merz am Montag eine Sitzung der CDU-Spitze und am Dienstag eine Fraktionssitzung im Bundestag besuchen. Die Entscheidung fiel vor dem Hintergrund wachsenden Drucks aus den eigenen Parteireihen.

Entscheidung zur Absage und ihre formale Begründung

Die offizielle Version des Kanzleramts beschränkt sich auf eine organisatorische Notwendigkeit: Der Regierungschef müsse in der Hauptstadt für die Arbeit mit Partei und Fraktion anwesend sein. Beobachter sehen die Absage jedoch im Zusammenhang mit der politischen Konjunktur. In den vergangenen Tagen hatten mehrere Konservative Merz offen kritisiert und ihm vorgeworfen, dass seine niedrige persönliche Beliebtheit sich direkt in den schwachen Ergebnissen der Partei bei den jüngsten Regionalwahlen niederschlage. Laut den in den Materialien angeführten Daten verzeichnet der im Mai 2025 gewählte, 70-jährige Kanzler den niedrigsten Zustimmungswert, der je für einen deutschen Regierungschef gemessen wurde.

Interner Krisenherd in der CDU

Am Vorabend der sonntägigen Regionalwahlen wächst innerhalb der CDU das Unbehagen über die Strategie des Parteivorsitzenden. Kritiker verweisen auf eine Serie missglückter Wahlergebnisse der Partei und fordern eine Kurskorrektur. Merz selbst hatte in der vergangenen Woche eingeräumt, dass die Regierung aus dem überzeugenden Sieg der Rechtsextremen bei den Regionalwahlen in Sachsen-Anhalt „Schlüsse ziehen“ müsse, und erklärt, dies werde „die Politik des Landes verändern“. Die Absage des UN-Besuchs wirkt daher wie ein Versuch des Kanzlers, die Parteikampagne persönlich zu führen und vor der Abstimmung die Kontrolle über die Lage zu bewahren.

Drohung durch die AfD und Erosion der CDU-Positionen

Hintergrund des innerparteilichen Krisenherds war das historische Ergebnis der „Alternative für Deutschland“ (AfD). Berichten zufolge erzielte die antimigrantische Partei am 6. September im ostdeutschen Bundesland ihr bestes Ergebnis in ihrer Geschichte und verfehlte das absolute Mehrheitsquorum, das für die Bildung der ersten rechtsextremen Landesregierung seit dem Zweiten Weltkrieg ausreichen würde, nur um drei Plätze. Die Unterstützung für die CDU, die dieses Bundesland seit 2002 geführt hatte, ist stark zurückgegangen. Zuvor hatte die Bild berichtet, dass die AfD erstmals alle anderen politischen Kräfte des Landes in der Beliebtheit überholt und rund 26 % Unterstützung in der Bevölkerung erzielt habe. Im Herbst 2025 wurde der Partei bereits vorgeworfen, Verbindungen zum Kreml zu haben, und sie als „Putins marionettenhafte deutsche Partei“ bezeichnet.

Widersprüchliche Angaben

In den vorliegenden Materialien gibt es Ungereimtheiten in der Chronologie der Regionalwahlen. Einerseits wird im Text angegeben, dass die Absage der Reise mit den Wahlen „am Sonntag“ (also mit der nächsten sonntägigen Abstimmung) zusammenhänge, andererseits wird der 6. September als Zeitpunkt des historischen AfD-Ergebnisses in Sachsen-Anhalt genannt. Unklar ist, ob die „sonntägliche“ Abstimmung auf dasselbe Bundesland oder auf ein anderes entfällt, da in den Quellen der konkrete Wahlbezirk für die bevorstehenden Wahlen nicht benannt wird. Außerdem ist die Aussage vom „niedrigsten Zustimmungswert der Geschichte“ für den Kanzler eine Bewertung und wird in den Primärquellen durch keine konkrete Zahl oder einen Verweis auf eine Umfrage gestützt. Diese Diskrepanzen müssen vor der endgültigen Veröffentlichung der Details geklärt werden.

Kontext und mögliche Folgen

Die Absage des Besuchs der UN-Generalversammlung, bei dem Merz den prestigeträchtigen Henry-Kissinger-Preis entgegennehmen sollte, ist symbolträchtig: Sie zeigt, dass innenpolitische Probleme in Berlin wichtiger geworden sind als die internationale diplomatische Agenda. Wenn die CDU die Lage vor den sonntägigen Wahlen nicht stabilisieren kann, könnte dies die Positionen der AfD stärken und das Kräfteverhältnis in den ostdeutschen Ländern verändern. Für den ohnehin rekordniedrigen Zustimmungswert verzeichneten Kanzler droht eine Niederlage auf Landesebene eine weitere Erosion der Unterstützung und würde die Umsetzung seiner angekündigten „Veränderungen“ in der Politik des Landes erschweren.