In den sozialen Medien ist diese Woche eine virale Geschichte viral gegangen: Angeblich hat sich Christopher Nolan persönlich an die estnischen Behörden und Zuchtstätten gewandt, um einen „persönlichen Auftrag“ zur Zucht eines Welpen für seinen neuen Blockbuster „Odyssee“ zu erteilen. Schlagzeilen brachten es in sich, Reposts flogen, und in den Kommentaren wurde bereits analysiert, welches genetische Projekt Tallinn gestartet habe. In Wirklichkeit ist die Sache weitaus prosaischer – und zugleich interessanter. Hinter dem lauten Clickbait verbirgt sich eine reale, aber völlig gewöhnliche Geschichte des Exports eines Welpen einer seltenen Rasse, die den vierbeinigen Schauspieler letztlich direkt auf die Drehkulisse eines der am meisten erwarteten Filme des Jahres brachte.
Drei Hunde, eine Rolle: Wie Nolan Argos ohne CGI drehte
Im in die Kinos gekommenen monumentalen Blockbuster „Odyssee“ wurden die verschiedenen Altersstufen des treuen Hundes Argos von Odysseus von drei echten Hunden der seltenen Jagdrasse Portugiesischer Podengo gespielt. Der Regisseur verzichtete konsequent auf Computergrafik: Laut Handlung des Homerischen Epos erscheint der Hund im Bild in unterschiedlichem Alter, und Nolan bestand auf echten Dreharbeiten. Das Filmteam benötigte sofort drei ähnliche Hunde, um das Heranwachsen von Argos ohne digitale Manipulationen zu zeigen. Genau dieser Regie-Aspekt – und nicht irgendein „geheimer Hollywood-Projekt“ – war der Katalysator der viralen Schlagzeilen.
Der Korsar aus Estland: Wie der Welpe nach Kalifornien kam
Einer der vierbeinigen Schauspieler – ein vierjähriger Rüde namens Corsair – wurde tatsächlich in Estland geboren. Seine Züchterin Iren Naarits erzählte dies stolz in der Morgensendung der Sendung Terevisioon beim nationalen Sender ERR. Es gab keine staatliche Zucht „auf Bestellung des Regisseurs“: Corsair wurde als Welpe an amerikanische Besitzer in den USA verkauft. Erst in Kalifornien fiel der Hund professionellen Tiertrainern (Animal Trainers) auf, die Doppelgänger für die Dreharbeiten an der „Odyssee“ vorbereiteten. Die Trainer verglichen auf dem Set die Lernfähigkeit von Corsair mit belgischen Schäferhunden der Rasse Malinois – dem Hund reichte es, eine Anweisung einmal zu zeigen, was ihm die Bildschirmzeit in den Schlüssel Szenen der Rückkehr Odysseus nach Ithaka sicherte.
Warum gerade der Portugiesische Podengo: Antiker Phänotyp ohne Anachronismus
Der Portugiesische Podengo ist eine der ältesten mediterranen Jagdbracke-Rassen, deren Phänotyp in den letzten zweitausend Jahren kaum verändert wurde. Die Zucht dieser Rasse außerhalb Portugals betreiben nur wenige Zuchtstätten weltweit. Für Nolan, der jeden Kader der „Odyssee“ wie eine archäologische Rekonstruktion aufbaut, war das entscheidend: Die meisten modernen europäischen Rassen würden im Bild als grober Anachronismus wirken. Der Podengo hingegen fügt sich organisch in das antike Äußere ein und reißt den Zuschauer nicht aus der Epoche.
Widersprüchliche Daten
Hier gilt es ehrlich die Abweichung der Versionen zu analysieren. Virale Schlagzeilen in sozialen Medien und Teilen der Medien präsentierten die Geschichte als „Nolan hat in Estland einen Hund bestellt“ oder „Estland hat einen Welpen für Hollywood auf Sonderauftrag des Regisseurs gezüchtet“. Die estnische Züchterin Iren Naarits und der Beitrag von Terevisoon zeichnen ein völlig anderes Bild: Es geht um den Standardverkauf eines Welpen einer seltenen Rasse an amerikanische Besitzer, woraufhin der Hund bereits auf US-amerikanischem Gebiet von hollywoodischen Trainern entdeckt wurde. Es gab weder persönliche Anfragen Nolans an estnische Zuchtstätten noch staatliche Zuchtprogramme. Der Unterschied zwischen „Export eines Welpen einer seltenen Rasse, der zufällig auf dem Set gebraucht wurde“ und „der Regisseur hat einen Hund bestellt“ ist prinzipiell, und genau dieser ging in der Kette der Reposts verloren.
Was das für den Film und für Estland bedeutet
Die Geschichte von Corsair ist keine Sensation, aber ein angenehmer Nebeneffekt: Eine seltene Rasse, die weltweit nur von Einigen gezüchtet wird, erhielt durch einen Kader in einem Film globale Sichtbarkeit. Für Estland ist das auch ein weicher Kultuexport: Der nationale Fernsehsender sendet stolz, dass der vierbeinige Hollywood-Schauspieler gerade hier zur Welt kam. Und für Nolan ist es ein weiterer Beweis seines Rufes als Regisseur, der für einen einzigen lebendigen Blick eines Hundes im Bild bereit ist, ein ganzes CGI-Budget zu opfern und drei echte Podengos in verschiedenen Altersstufen zu drehen.
