Laut Associated Press, auf das sich RBC-Ukraine beruft, sind die Bestände der in Europa stationierten amerikanischen Patriot-Abfangraketen auf ein kritisches Niveau gesunken. Hauptgrund dafür ist der intensive Einsatz dieser Systeme im Rahmen des militärischen Konflikts mit dem Iran: Um eigene Truppen und Verbündete vor iranischen Angriffen zu schützen, verlagerten die USA einen erheblichen Teil ihrer Raketenbestände aus dem europäischen Raum auf den Nahen Osten. Vor dem Hintergrund der regelmäßigen massiven kombinierten russischen Angriffe auf die Ukraine rückt die Frage der Nachhaltigkeit der Luftverteidigungssysteme sowohl in Europa als auch auf ukrainischem Gebiet erneut in den Vordergrund.
Ursachen der Arsenalerschöpfung
Laut in der Veröffentlichung genannten Experten haben die USA bereits rund 65 % ihrer Patriot-Raketen verbraucht – geschätzt 1500 von 2330 Einheiten. Die Kämpfe auf dem Nahen Osten hätten, so ein amerikanischer Verteidigungsfunktionär, die Grenzen der Produktionsketten aufgezeigt: Die Arsenale in der Region erschöpften sich überraschend schnell, während die Lieferungen an die Ukraine von vornherein geplant und auf kalkulierte Mengen ausgelegt waren. Die Umverteilung der Munition zur Bewältigung der iranischen Bedrohung erfolgte somit über die vorgesehenen Pläne hinaus.
Verwundbarkeit des europäischen Hinterlandes
„In Europa verfügen die amerikanischen Streitkräfte definitiv nicht über eine ausreichende Anzahl von Patriot-Raketen, um einen möglichen längeren ballistischen Raketenangriff abzuwehren“, erklärte der amerikanische Verteidigungsfunktionär. Am meisten Sorgen bereitet den Analysten der Mangel genau jener Munition, die in der Lage ist, russische hochgeschwindige ballistische Raketen abzufangen. Im Falle eines hypothetischen russischen Angriffs auf Ziele in Europa würden die Luftverteidigungssysteme des Bündnisses nach dieser Einschätzung „sehr begrenzte Möglichkeiten“ zur Abwehr des Angriffs haben.
Produktionsengpass und Nachschubhorizont
Experten weisen darauf hin, dass die erste europäische Fabrik zur Herstellung von Patriot-Raketen im September in Deutschland eröffnet werden soll, eine wesentliche Auffüllung der Bestände jedoch erst in Richtung 2030 erwartet wird. Das bedeutet, dass die europäische Komponente der Luftverteidigung mittelfristig von den vorhandenen Lagerbeständen und von Tempi abhängen wird, die den festgestellten Rückstand derzeit nicht schließen lassen.
Position Kiews: Der Engpass ist breiter als Patriot
Die Ukraine sieht sich laut Präsident Wolodymyr Selenskyj regelmäßig massiven kombinierten russischen Angriffen ausgesetzt, was zur Erschöpfung der Luftverteidigungsressourcen führt. Zwar haben die Verbündeten eine Reihe von Entscheidungen zur Stärkung der Luftverteidigung getroffen, doch reichten die aktuellen Hilfsmengen nach Einschätzung Kiews nicht aus, um die Bedürfnisse vollständig zu decken. Die Luftstreitkräfte der ukrainischen Streitkräfte betonen, dass das Problem nicht auf die Patriot-Systeme beschränkt ist: Wie der Vertreter der Kommunikationsabteilung des Luftverteidigungskommandos, Juriy Ihnat, erklärte, herrscht in der Ukraine ein allgemeiner Mangel an Raketen für die Luftverteidigung – die Soldaten benötigen große Mengen an Munition sowohl für Bodenstationen verschiedener Typen als auch für luftgestützte Plattformen.
Widersprüchliche Angaben
Die Darstellungen der beteiligten Seiten zur Schwere der Krise weichen voneinander ab. Auf der einen Seite behaupten Associated Press und ein namentlich nicht genannter amerikanischer Verteidigungsfunktionär, dass die Patriot-Bestände in Europa nicht ausreichen, um einen längeren ballistischen Raketenangriff abzuwehren, und dass die Arsenale auf dem Nahen Osten überraschend schnell erschöpft seien. Auf der anderen Seite dementieren das NATO-Kommando und das US-Verteidigungsministerium diese Darstellung offiziell. Der NATO-Sprecher Martin O’Donnell erklärte, dass das Bündnis über ausreichend Munition für die Selbstverteidigung und die Weiterführung der Hilfe für die Ukraine verfüge, während Pentagon-Sprecher Sean Parnell die Angaben über einen kritischen Munitionsmangel als „falsch“ bezeichnete und betonte, die USA verfügten über einen „tiefen, einsatzbereiten Arsenalbestand“. Damit wird zwar die Tatsache der Umverteilung und des Verbrauchs von Raketen bestätigt, die Einstufung der Restbestände als „kritisch“ bleibt jedoch zwischen den AP-Quellen und den offiziellen Vertretern Washingtons und Brüssels umstritten.