Seit dem 31. August 2026 sind in Kiew und der Oblast Kiew wieder Fahrzeuge des verdeckten Patrouillierens im Einsatz, die das Innenministerium als „Phantome“ bezeichnet. Äußerlich sind es unauffällige graue Skoda Kodiaq der ersten Generation im Vor-Facelift-Design, die im Verkehr kaum von einem normalen zivilen Fahrzeug zu unterscheiden sind. Im Inneren befindet sich jedoch ein automatisiertes Hard- und Software-System, das selbst die Geschwindigkeit misst, Kennzeichen erkennt und die Daten an das System der automatischen Verstößenfeststellung überträgt. Im Grunde handelt es sich um die ersten „Polizeiroboter“ der Ukraine: Automatisierter als diese gibt es im Land zur Wahrung der Verkehrsregeln bislang nichts.
Was ist ein „Phantom“ und warum wurde das Projekt neu gestartet
Die Idee ist nicht neu: Mobiles verdecktes Geschwindigkeitskontrollieren wird in einer Reihe von Industrieländern längst eingesetzt. Die Nationalpolizei der Ukraine erhielt die erste Pilotserie solcher Fahrzeuge bereits 2020; nach Testen, Anpassung und Zertifizierung kamen sie im Januar 2022 auf volle Routen, arbeiteten aber wegen des großflächigen Einmarschs nur etwa einen Monat. In dieser kurzen Zeit verzeichneten vier Fahrzeuge mehr als 26.000 Geschwindigkeitsverstöße. Nun wurde das Projekt wieder aufgenommen: Laut Innenministerium sind seit Ende August drei Fahrzeuge aus derselben ersten Pilotgruppe im Einsatz, und die erste Woche zeigte, dass das System an Wirksamkeit nicht eingebüßt hat.
So funktioniert die verdeckte Kontrolle: bis zu 50 Ziele im Verkehr
Der entscheidende Unterschied des „Phantoms“ zu einer stationären Kamera ist die Arbeit im fließenden Verkehr und nicht an einem einzelnen Punkt. Die Fahrzeuge sind mit zwei Videokameras ausgestattet, über die die Elektronik die Umgebung erfasst, selbst die überhöht fahrenden Fahrzeuge im Verkehr ausfiltert, deren Kennzeichen und Fotos festhält. Das System ist in der Lage, gleichzeitig bis zu 50 sich bewegende Ziele zu verfolgen. Die Daten werden per Mobilfunk an dasselbe System der automatischen Verstößenfeststellung übermittelt wie von den stationären Straßenkameras: Im Analysezentrum wird ein Aktenstück erstellt, ein befugter Polizist erlässt nach Prüfung eine Verwaltungsentscheidung über das Bußgeld. Die Kameras sind, wie die stationären, nicht auf die zulässige Höchstgeschwindigkeit nach der StVO, sondern auf eine höhere eingestellt – unter Berücksichtigung eines sogenannten nicht bestraften Bonus von etwa 20 km/h.
Die Psychologie der Prävention: Warum der Fahrer die Polizei nicht „einfangen“ kann
Ein normales Patrouillenfahrzeug warnt durch seinen Anblick: Sieht man Polizisten, nimmt man den Fuß vom Gas. Bei den „Phantom“ gilt eine andere Logik. Wenn man weiß, dass in der Stadt, der Region oder auf einem Streckenabschnitt solche „verdeckten“ Einsatzteams unterwegs sind, weiß der Fahrer nicht, ob in der Nähe ein solches Fahrzeug ist. Daher begrenzt das System die Geschwindigkeit nicht nur dort, wo die Polizei sichtbar präsent ist, sondern erzeugt ständig eine Warnung: Wer zu schnell fährt, kann jederzeit bestraft werden. Genau deshalb positioniert die Polizei die „Phantome“ vor allem als präventives Instrument und nicht als Mittel der Bestrafung.
Widersprüchliche Daten
Hier gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen den erklärten Ambitionen und dem tatsächlichen Umfang. Bereits 2022 sprach das Innenministerium vom Kauf von 30 solcher Fahrzeuge im selben Jahr und 110 im Jahr 2023, betrachtete also die „Phantome“ als Grundlage eines groß angelegten mobilen Systems und nicht als vier experimentelle Fahrzeuge. Die Realität ist eine andere: Damals war nur die Pilotgruppe von vier Fahrzeugen im Einsatz, die etwa einen Monat arbeitete, und im Jahr 2026 wurde das Projekt mit nur drei Fahrzeugen neu gestartet. Der angekündigte Umfang von Dutzenden und Hunderten wurde also nie erreicht, und die aktuelle Arbeit findet auf dem Niveau des ursprünglichen Piloten statt. Der Unterschied zwischen „Plan für 110“ und „Tatsache von 3“ ist der Hauptdissonanz in dieser Geschichte.
Was der Verstoßende erhält: von der Kamera bis zum Brief
Der Verstoß wird automatisch festgehalten, ohne menschliches Zutun in Uniform und ohne Anhalten des Fahrzeugs. Nach der Prüfung wird das Aktenstück zu einer Entscheidung: Ein gedruckter Brief wird per Post an den Registrierungsort des Halters geschickt, und das Bußgeld erscheint zusätzlich im persönlichen Konto des Fahrers im Servicezentrum des Innenministeriums und in der App „Diia“. Zur Bestätigung werden Fotos und ein QR-Link zu einem kurzen Video mit dem Fahrzeug im Moment des Verstoßes beigefügt. Zu den Kosten: Für die vier Skoda wurden damals 3,7 Mio. UAH gezahlt, das europäisch hergestellte Ausrüstungspaket kostete noch fast 3,0 Mio. UAH – der Preis der Integration eines Fahrzeugs in das landesweite Kontrollsystem ist also vergleichbar mit dem Preis des Autos selbst.