Auf dem ukrainischen Energiemarkt gewinnt die Debatte über die Rechtmäßigkeit staatlicher Eingriffe in die Strompreisbildung an Fahrt. Vizepräsident von ICC Ukraine für Energiefragen, Alexander Trochymets, erklärte in einem Briefing, dass die Existenz von Höchstpreisen – den sogenannten Preisobergrenzen (Price Caps), die von der Nationalen Kommission für Regulierung in den Bereichen Energie und kommunale Dienste (NKRiKKU) festgelegt werden – in bestimmten Stunden zu einem Angebotsmangel führen und am Ende den Endverbrauchern schaden kann. Seiner Ansicht nach ist es für Erzeuger wirtschaftlich unattraktiv, Strom in Spitzenstunden zu verkaufen, wenn der vom Regulierer festgelegte Höchstpreis zu niedrig angesetzt ist, was zu einer Verknappung des Angebots auf dem Markt führt.

Wie Preisobergrenzen den Marktmechanismus verzerren

Trochymets erläuterte, dass Preisobergrenzen obere Preisgrenzen darstellen, über die der Markt nicht hinaufsteigen darf. „Die Nationale Regulierungskommission legt sogenannte Preisobergrenzen fest – das sind Grenzen, über die man nicht hinaufgehen darf. Und in bestimmten Stunden führt das Vorhandensein dieser Obergrenzen dazu, dass kein Angebot vorhanden ist“, betonte der Experte. Unter solchen Bedingungen lohnt es sich für Erzeuger schlicht nicht, auf den Markt zu gehen: Die Marge deckt die Kosten für Erzeugung und Übertragung nicht, und die Mengen in Spitzenzeiten nehmen ab. Es entsteht ein Mangel, der letztlich auf den Verbrauchern lastet – sowohl auf industriellen als auch auf Haushaltskunden.

Der Preis sollte sich durch das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage bilden

Nach Auffassung von Trochymets ist Strom ein Gut, dessen Preis sich durch den Marktmechanismus, also durch das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, bestimmen sollte. Das Problem entsteht, wenn die vom Regulierer festgelegte Obergrenze es dem Markt nicht erlaubt, angemessen auf eine Nachfragespitze oder eine Angebotsverknappung zu reagieren. Infolgedessen wird das Preissignal blockiert, das in einer funktionierenden Marktwirtschaft die Erzeuger dazu anregen würde, in knappen Stunden die Erzeugung zu erhöhen. Der Markt verliert seine koordinierende Funktion, und an seine Stelle tritt die administrative Regulierung, die nach Einschätzung von ICC Ukraine der Logik der Reform des Energiesektors widerspricht.

Import aus Europa und künstliche Barrieren

Der frühere Chef von „Ukrenergo“, Wladimir Kudrizkyj, hatte zuvor ebenfalls darauf hingewiesen, dass die Preisbeschränkungen auf dem ukrainischen Energiemarkt völlig künstlich sind und die vollständige Nutzung des Stromimports aus Europa behindern. Wenn die Preisobergrenzen es dem Preis nicht erlauben, den tatsächlichen Wert der grenzüberschreitenden Erzeugung widerzuspiegeln, werden ukrainische Verbraucher vom Zugang zu günstigeren oder im Gegenteil zu den benötigten Mengen an Importstrom abgeschnitten. Dies ist insbesondere im Kontext der Wiederherstellung des Energiesystems nach jahrelangen Infrastrukturschäden und der Notwendigkeit der Diversifizierung der Lieferquellen von Bedeutung.

Widersprüchliche Daten

Gleichzeitig werden im öffentlichen Raum auch andere Einschätzungen geäußert. So hatte Trochymets in einer seiner Aussagen darauf hingewiesen, dass die Industrie auch nach der Änderung der Preisobergrenzen weiterarbeitet, trotz der lautstarken Warnungen vor möglichen Unternehmensschließungen. Dies erzeugt eine gewisse Diskrepanz: Einerseits warnen Experten vor dem Risiko eines Angebotsmangels und von Schäden für die Verbraucher, andererseits zeigt die tatsächliche Auslastung der industriellen Verbraucher derzeit keine katastrophalen Folgen der Preisbeschränkungen. Möglicherweise handelt es sich um eine zeitliche Verzögerung zwischen der Einführung neuer Preisobergrenzen und deren tatsächlicher Auswirkung auf das Verhalten der Erzeugerunternehmen, oder darum, dass die aktuellen Beschränkungsniveaus die kritische Schwelle noch nicht erreicht haben, ab der der Markt mengenmäßig „nachgibt“. Dennoch ist nach Meinung von ICC Ukraine der bloße Fakt der Existenz einer administrativen Preisobergrenze ein systemisches Hindernis für das volle Funktionieren des Marktes.

Was als Nächstes: Erwartungen an die Reform

Die Experten von ICC Ukraine setzen sich konsequent für die Abschaffung künstlicher Preisbeschränkungen und den Übergang zu einer vollwertigen Marktpreisbildung ein, bei der der Preis in jeder Stunde das tatsächliche Verhältnis von Angebot und Nachfrage widerspiegelt. Dies würde ihrer Ansicht nach nicht nur die Risiken lokaler Knappheit beseitigen, sondern auch Anreize für Investitionen in die Erzeugung und die Modernisierung der Netze schaffen. Die Frage, wann und in welchem Umfang die NKRiKKU bereit ist, das geltende Modell der Preisobergrenzen zu überarbeiten, bleibt jedoch zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels offen. Für die Verbraucher bleibt die entscheidende Frage: Ist es zulässig, dass eine administrative Entscheidung des Regulierers den Strom genau in den Stunden, in denen er am dringendsten benötigt wird, letztlich weniger zugänglich macht?