Der ukrainische Energiemarkt steht erneut an einem Scheideweg: Das geltende System der Preisobergrenzen, der sogenannten Price Caps, droht vor Beginn der Heizsaison zur Barriere für den Strombezug aus Europa zu werden. Dies erklärte Wladimir Omeltschenko, Leiter der Energieprogramme des Razumkow-Zentrums, in einem Interview mit dem YouTube-Kanal „Ukrainski Tyshden“, wie RBC-Ukraine berichtet. Nach seiner Einschätzung wird der regulatorische Deckel das Land gerade dann nicht in vollem Umfang in die Lage versetzen, die Importkapazitäten zu nutzen, wenn der Bedarf am größten ist, falls die europäischen Strompreise über das in der Ukraine festgelegte Maximum steigen.

„Price Caps und Preis sind etwas Verschiedenes“

Omeltschenko betont den grundlegenden Unterschied zwischen dem Marktpreis und der administrativ festgelegten Obergrenze. „Es kann eine Situation entstehen, in der selbst diese überhöhten Preise, diese erhöhten Preise, beziehungsweise die Price Caps, denn Price Caps und Preis sind etwas Verschiedenes. Erhöhte Price Caps könnten auch nicht helfen“, so der Experte. Selbst eine formale Erhöhung des Maximums garantiert demnach nicht, dass der Mechanismus korrekt funktioniert: Das Problem liege nach seinen Worten im Prinzip der Begrenzung selbst und nicht in der konkreten Zahl.

Wiederholung des Szenarios früherer Winter

Der Experte weist ausdrücklich auf die Zyklik des Problems hin. „Wir könnten erneut die Situation wiederholen, die in den vergangenen Jahren bestand, als wir bei einem großen Mangel an elektrischer Energie uns selbst durch die sinnlose Regulierungspolitik der NREKP die Möglichkeit, elektrische Energie zu beziehen, gerade dann, wenn wir sie brauchen, verringerten“, erklärte Omeltschenko. Gemeint sind Zeiträume, in denen das inländische Erzeugungspotenzial der Ukraine erschöpft war und die regulatorischen Rahmenbedingungen es den Betreibern nicht erlaubten, die fehlenden Mengen flexibel auf dem europäischen Markt einzukaufen. Ergebnis war ein künstlicher Mangel, der die Belastung des Netzes verschärfte und die Möglichkeiten für Abschaltungen einschränkte.

Forderung: Prinzip ändern, nicht die Zahlen

Omelttschenkos zentrales Anliegen richtet sich an die Nationale Kommission für Regulierung in den Bereichen Energie und kommunale Dienste (NREKP). Nach seiner Auffassung sollte der Regulierer vorausschauend handeln: das Prinzip der Festlegung der Price Caps noch vor dem Winter ändern und nicht die Höchstpreise erst manuell nachjustieren, wenn das Problem bereits entstanden ist. Dieser Ansatz würde nach Einschätzung des Experten verhindern, dass regulatorische Entscheidungen reaktiv und unter Bedingungen eines akuten Mangels getroffen werden, wenn der Handlungsspielraum minimal ist.

Bestätigung der Position: Stimme des „Ukrenerho“ und Erster Energierat

Omelttschenkos Position ist keine isolierte. Zuvor hatte der ehemalige Chef des „Ukrenerho“, Wladimir Kudritski, darauf hingewiesen, dass künstliche Preisobergrenzen auf dem ukrainischen Energiemarkt das Land systematisch dazu zwingen, den Stromimport aus Europa unzureichend zu nutzen. Der Erste Energierat seinerseits hatte festgestellt, dass die bereits geltenden niedrigen Price Caps zu einer Verringerung der Importmengen aus der EU geführt haben. Die Gesamtheit dieser Aussagen zeichnet ein beständiges Bild: Das Problem liegt nicht in einem Einzelfall, sondern in der strukturellen Unangemessenheit des Regulierungsmodells, das die Dynamik der europäischen Preise in Zeiten des Spitzenbedarfs nicht berücksichtigt.

Widersprüchliche Daten

In den Einschätzungen der Experten gibt es einen Nuancenunterschied, der zu berücksichtigen ist. Einerseits erscheint die Logik „Price Caps erhöhen – Import erlauben“ intuitiv richtig und wird vermutlich von einem Teil der Marktteilnehmer geteilt. Andererseits stellt Omelttschenko ausdrücklich klar, dass „erhöhte Price Caps auch nicht helfen könnten“, und verweist darauf, dass das Problem nicht quantitativer, sondern qualitativer, institutioneller Natur ist. Selbst wenn der Regulierer die Obergrenze anhebt, kann der Effekt bei Beibehaltung des bisherigen Prinzips ihrer Festlegung (starre Bindung an inländische Referenzwerte, fehlende automatische Indexierung am europäischen Benchmark) unzureichend ausfallen. Zwischen dem These „man muss einfach die Zahlen erhöhen“ und dem These „man muss die Architektur der Regulierung selbst ändern“ besteht somit ein erheblicher Unterschied, auf den der Experte des Razumkow-Zentrums gerade den Fokus legt.