Auf dem ukrainischen Großhandelsmarkt für Strom hat sich ein hartnäckiges Problem gebildet, das nach Einschätzung von Experten längst keine Frage der aktuellen Preisentwicklung mehr ist, sondern zu einer systemischen Barriere für den Wiederaufbau des Energiesystems geworden ist. Es geht um Preisobergrenzen – Höchstpreise für Strom für Unternehmen, die der Regulierer in unklarer und nicht vorhersehbarer Logik regelmäßig ändert. Genau diese Unvorhersehbarkeit wurde laut dem ehemaligen Leiter von Ukrenergo, Wladimir Kudritschko, der in einer Sendung von Apostrof TV geäußerten und von RBC-Ukraine übermittelten Aussagen, zum Hauptfaktor, der private Investoren von Investitionen in eine neue Generation der Erzeugung abschreckt.
Unvorhersehbarkeit als Hauptfeind der Investitionen
Kudritschko erklärte, dass der Regulierer nach dem Prinzip „an – aus“ handelt: In einem Moment wird die Preisobergrenze angehoben, was es importiertem Strom aus Europa ermöglicht, auf den ukrainischen Markt zu gelangen, in einem anderen wird sie drastisch gesenkt. Der Experte führte konkrete Beispiele an: Die Höchstpreise können von 10 auf 5 Hrywnja pro Kilowattstunde oder von 15 auf 8 Hrywnja fallen. „Zu prognostizieren, dass morgen jemand nicht mit dem rechten Fuß aufsteht und die Höchstpreise beispielsweise gesenkt werden – das ist unmöglich zu prognostizieren“, betonte er. Für einen Investor, der die Amortisation eines neuen Kraftwerks auf einen Horizont von zehn oder mehr Jahren berechnet, machen solche Sprünge jedes Finanzmodell der Berechnung sinnlos.
Von den Preisen zur Erzeugung: Systemeffekt für das Energiesystem
Laut Kudritschko geht das Problem der Preisobergrenzen weit über die aktuellen Tarife für Verbraucher hinaus. Die unvorhersehbaren Regeln beeinflussen direkt die Bereitschaft des privaten Geschäfts, Mittel in eine neue Generation der Erzeugung zu investieren – ohne die, wie der Experte betont, eine schnelle Wiederherstellung der Stabilität des Energiesystems unmöglich ist. „In einer solchen Situation schafft das natürlich eine enorme Unsicherheit für die Anziehung derselben Investitionen, die der Schlüssel für die Wiederherstellung der Stabilität unseres Energiesystems und unserer Energieunabhängigkeit sind“, erklärte der Ex-Chef von Ukrenergo. Er fügte hinzu, dass es physisch unmöglich sei, Hunderte und Tausende kleiner Kraftwerke ausschließlich mit den Kräften staatlicher Unternehmen zu bauen, daher werde die Anziehung des Privatsektors und die Bildung vorhersehbarer Regeln auf dem Energiemarkt keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Europäischer Ansatz gegen manuelle Steuerung
Eine Alternative zum aktuellen Modell hatte zuvor der Direktor der Energieprogramme des Razumkov-Zentrums, Wladimir Omeltschenko, skizziert. Nach seiner Einschätzung verfügt die Ukraine über die technische Möglichkeit, bis zu 2,5 GW Strom zu importieren, doch der derzeitige Ansatz bei der Festlegung der Preisobergrenzen erlaubt es nicht, diese Ressource in Zeiten von Engpässen vollständig zu nutzen. Omeltschenko plädierte für die Bildung der Höchstpreise nach europäischen Prinzipien – also über Marktmekanismen und nicht über manuelle administrative Regulierung. Zuvor wurde auch darauf hingewiesen, dass ohne eine Überarbeitung der Preisobergrenzen es für die Ukraine deutlich schwieriger sein wird, im Winter Strom zu importieren, wenn die Belastung des Netzes maximal ist.
Kontext: Von den Abschaltungen im Frühjahr zu den Risiken im Winter
Der Zusammenhang zwischen Preisobergrenzen und der Zuverlässigkeit der Stromversorgung wurde bereits in der Praxis bestätigt. Wie Kudritschko zuvor erklärte, wurde die Senkung der Höchstpreise zu einer der Ursachen der massiven Stromabschaltungen im Frühjahr 2026, und die Rückkehr der strengen Preisobergrenzen löste eine neue Welle von Blackouts aus. Das Problem, das der Experte in Begriffen der Investitionsattraktivität beschreibt, wird heute bereits in den Alltag übersetzt – in Form von Stromausfällen für Millionen von Verbrauchern. Die Bildung einer stabilen, vorhersehbaren Preispolitik auf dem Großhandelsmarkt wird nach der Gesamtheit der Experteneinschätzungen nicht nur zu einer Frage der wirtschaftlichen Effizienz, sondern zu einer Bedingung der Energiesicherheit des Landes vor dem nächsten Heizsaison.