Der Erste Vizepremierminister und Energieminister der Ukraine, Denys Smyhal, hat eine umfassende Einschätzung der Bedarfe des nationalen Energiesektors vorgelegt: Nach seinen Angaben wird das Land in den kommenden Jahrzehnten mindestens 91 Milliarden Dollar benötigen. Es geht dabei nicht nur um den Wiederaufbau der beschädigten Infrastruktur, sondern auch um großangelegte Investitionen in eine neue Generation der Stromerzeugung und in die Entwicklung des Energiesektors insgesamt. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf eine Mitteilung Smyhals in Telegram.
Dialog mit dem kanadischen Geschäftswesen und Fokus auf Investitionen
Die Einschätzung gab der Ministerpräsident während eines Dialogs mit kanadischen Unternehmern ab, an dem auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilnahm. Smyhal betonte, dass die Ukraine nicht nur an der Unterstützung ihrer Partner, sondern auch an der Anziehung privater Investitionen in den Energiesektor interessiert sei. „Im Februar haben wir gemeinsam mit unserem kanadischen Amtskollegen Tim Hodgson eine Absichtserklärung über die strategische Zusammenarbeit der Ukraine und Kanadas im Energiesektor unterzeichnet. Ihr wesentlicher Inhalt ist nicht ‚Hilfe‘, sondern ‚Investitionen‘. Die politischen Türen sind offen. Nun liegt es am Geschäftswesen, mit konkreten Projekten zu kommen“, erklärte der Minister.
Vereinfachung der Bedingungen für Investoren und drei Ebenen der Finanzierung
Laut Smyhal arbeitet die Ukraine bereits an der Vereinfachung der Bedingungen für Investoren und an der Entwicklung einer neuen Generation der Stromerzeugung. So wurden drei Ebenen der Finanzierung der neuen Energiewirtschaft geschaffen. Das Verfahren zur Anbindung der neuen Generation an das Energiesystem wurde verkürzt: Die Frist für die Erteilung der technischen Bedingungen wurde von 10 auf 2 Tage reduziert, die Anzahl der erforderlichen Dokumente von sieben auf zwei. Diese Maßnahmen sollen, wie von der Regierung beabsichtigt, die Eintrittsbarrieren für private Investoren senken und die Umsetzung von Projekten beschleunigen.
1,5 GW neuer hochmanövrierfähiger Kapazitäten und Ausbau der Auktionsförderung
Im Zuge der Reformen wurde ein Wettbewerb zum Bau von 1,5 GW neuer hochmanövrierfähiger Kapazitäten ausgeschrieben. Der Umfang der Auktionsförderung für 2026 wurde mehr als verdreifacht – auf 1 GW. Dies zeigt, dass Kiew auf die Diversifizierung der Stromerzeugung und die Verringerung der Abhängigkeit von veralteten Kapazitäten setzt, die im Laufe des Konflikts erheblich beschädigt wurden.
Strategische Vision: transatlantische Energieketten
Smyhal hob hervor, dass die Ukraine für das kanadische Energiegeschäft dank eines großen, in die EU integrierten Marktes sowie einer erheblichen Nachfrage nach Energiekapital und -ausrüstung in den kommenden Jahrzehnten interessant sein könnte. „Kanada verfügt seinerseits über langfristiges Kapital, Technologien, Engineering und Finanzinstrumente zur Risikominimierung. Wir schlagen vor, diese Vorteile zu bündeln, neue transatlantische Energieketten zu bilden, die Energiesicherheit der Ukraine und Europas zu gewährleisten und die wirtschaftliche Präsenz Kanadas auf dem europäischen Energiemarkt zu stärken“, erklärte der Minister.
Kontext: Probleme der Integration in den europäischen Energiemarkt
Zu beachten ist, dass die Ukraine parallel zur Suche nach neuen Investoren mit einer Reihe systemischer Probleme konfrontiert ist. Zuvor wurde berichtet, dass das Land aufgrund von Schulden die Gefahr läuft, nicht in den gemeinsamen europäischen Energiemarkt einzutreten: Die europäische Seite verknüpft die weitere Marktintegration direkt mit der Lösung des Schuldenproblems. Außerdem nutzt die Ukraine den Stromimport aus der EU unzureichend – künstliche Preisobergrenzen auf dem Binnenenergiemarkt hindern an der vollen Nutzung der Importkapazitäten. Die Anziehung von 91 Milliarden Dollar wird daher nur möglich sein, wenn sowohl die Investitions- als auch die regulatorischen Fragen umfassend gelöst werden.