Das Sonderprojekt von RBC-Ukraine „Eigene Waffen – der Schild der Unabhängigkeit. Wie die Ukraine ihre Verteidigungsindustrie neu aufgebaut hat“ hat einen Widerspruch festgehalten, um den sich heute die gesamte Debatte über die Zukunft des ukrainischen Rüstungssektors dreht. Der Staat hat 60 Mrd. Hrywnia in die Grundkapitalanlagen der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie investiert, doch der private Sektor – der, wie Branchenexperten schätzen, das Rückgrat der modernen Branche bildet – hat von diesem Betrag keine direkte Finanzierung erhalten. Formal flossen die Gelder in staatliche Aktiva, faktisch waren es jedoch gerade die privaten Unternehmen, die an der Spitze der Produktion und Lieferung von Waffen standen.
Der private Rüstungssektor: von der Peripherie zum Kern der Branche
Das Ausmaß dieses Wandels beschreibt Serhij Paschynski, der Vorsitzende der Nationalen Vereinigung der Rüstungsindustrie der Ukraine (NAUDI), eindrucksvoll. Seinen Worten zufolge ist unter den zehn größten Verteidigungsunternehmen der Ukraine keines staatlich, und sechs bis sieben von ihnen sind Mitglieder der Vereinigung. Darüber hinaus übertriffen die Unternehmen der NAUDI nach Schätzung Paschynskis den staatlichen Rüstungssektor bei den gelieferten Produktmengen deutlich. „Waffen dürfen nicht nur vom Staat hergestellt werden. Das ist bereits eine Tatsache“, stellt er fest und verankert damit keinen hypothetischen Trend, sondern eine bereits bestehende Marktrealität.
Das Portfolio der privaten Hersteller
Der private Verteidigungssektor begann nach 2014 aktiv zu formieren und wuchs innerhalb eines Jahrzehnts zu einem vollwertigen Produktionsverbund heran. Zu den bekannten Vertretern zählen heute „Ukrainska Bronetechnyka“ (Ukrainische Panzertechnik), Radionix, Ukrspecsystems und eine Reihe weiterer Unternehmen. Ihre Kompetenzen umfassen ein breites Spektrum an Aufgaben: von gepanzerten Fahrzeugen und unbemannten Systemen über Mittel der elektronischen Kampfführung und Drohnen-Abfangsysteme bis hin zu Artilleriemunition und Mörsern. Die NAUDI hatte zuvor ausdrücklich darauf hingewiesen, dass gerade der private Sektor zur Hauptkraft geworden ist, die die Lieferung von Artilleriemunition in der Ukraine sicherstellt.
Kooperation und internationaler Marktzugang
Ein wichtiges Instrument zur Entwicklung der Branche nennt die NAUDI die Produktionskooperation: In einer Reihe von Projekten bündeln drei bis vier Unternehmen der Vereinigung ihre Kompetenzen, um neue Produkte zu entwickeln oder die Produktionskapazitäten zu erweitern. Ein separates Feld ist die internationale Zusammenarbeit. Die Vereinigung hilft ukrainischen Herstellern, ihre Produkte auf ausländischen Messen zu präsentieren, Verhandlungen mit ausländischen Regierungen und Unternehmen zu führen und Partner für gemeinsame Produktion und Finanzierung zu suchen. Genau diese Rolle demonstriert die Vereinigung auf internationalen Plattformen, wo die Stände der NAUDI mit ukrainischer Symbolik und einer Ausstellung unbemannter Systeme zur Schaufenster der inländischen Rüstungsindustrie für ausländische Auftraggeber werden.
Fazit: eine neue Architektur der Verteidigungsindustrie
Die Gesamtheit dieser Faktoren führt zu dem Schluss, den RBC-Ukraine zieht: Der private Sektor, der keine Staatsinvestitionen erhalten hatte, ist zu einem der Schlüsselelemente der neuen ukrainischen Rüstungsindustrie geworden. Faktisch hat sich die Branche um die privaten Hersteller herum neu formiert, während die staatlichen 60 Mrd. Hrywnia weitgehend im Rahmen des Staatseigentums verblieben sind. Für Beobachter bedeutet dies, dass die weitere Dynamik der Waffenlieferungen maßgeblich davon abhängen wird, wie die privaten Unternehmen die Fragen der Finanzierung, Kooperation und des Zugangs zu ausländischen Märkten lösen.