Der Leiter der Chersoner Oblast-Militärverwaltung, Alexander Prokudin, erklärte in einem Interview mit RBC-Ukraine die Logik hinter den öffentlichen Warnungen vor Bedrohungen, die die Regionalbehörde an die einheimische Bevölkerung richtet. Seiner Auffassung nach ist die Offenheit bei der Lagebeurteilung kein Versuch, die Bewohner einzuschüchtern, sondern ein Ausdruck des Respekts vor ihnen als „Partnern im Kampf um das Überleben der Oblast“. „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen im Voraus zu warnen, uns vorzubereiten und gemeinsam alles Mögliche zu tun, um die Folgen zu minimieren“, betonte Prokudin und fügte hinzu, dass es die Pflicht der Behörden sei, nicht so zu tun, als existiere eine erkannte potenzielle Bedrohung nicht.
Umfang der Zerstörungen und die Grenzen des Schutzes
In seiner Ansprache nannte Prokudin Zahlen, die die aktuelle Lage an der Front beschreiben: Laut seinen Angaben werden in der Ukraine etwa 80 Ortschaften durch die russischen Streitkräfte buchstäblich „von der Landkarte gestrichen“, weitere rund 200 befinden sich dauerhaft unter Beschuss. Besonders warnte der Leiter der Oblastverwaltung vor der Illusion absoluter Sicherheit: „Selbst der modernste Schutz kann nicht garantieren, dass eine russische Gleitbombe nicht das Objekt trifft, das sie schützt.“ Eine Warnung vor einer Bedrohung der Energieinfrastruktur bedeute daher nicht, dass das Licht in den nächsten Tagen zwingend ausfallen werde, und sei auch kein Zeichen der Untätigkeit der zuständigen Stellen.
„Das ist kein Verrat“: Reaktion auf das Narrativ des „Herausdrängens“ aus Cherson
Prokudin wandte sich direkt an diejenigen, die an der Zweckmäßigkeit einer Evakuierung zweifeln, und rief dazu auf, sich nicht auf Provokationen einzulassen: „Hört nicht auf diejenigen, die solche Entscheidungen als irgendeinen ‚Verrat‘ oder als das Bestreben darstellen wollen, jemanden aus Cherson herauszudrängen.“ Als Argument verwies er auf Familien in Kozatske, Wesjole, Beloserka, Antonówka und anderen Ortschaften, die bereits Angehörige verloren haben. „Wenn sie die Möglichkeit hätten, die Wahl noch einmal zu treffen, würden sie sich für das Leben entscheiden“, erklärte der Leiter der Oblastverwaltung und fasste zusammen: „Wir sind ein Team. Wir brauchen keine Panik. Wir brauchen Reife, gegenseitige Hilfe, Vertrauen und gemeinsame Verantwortung. Wir werden standhalten. Aber das Wichtigste ist – wir müssen als Lebende standhalten.“
Unterstützungsmechanismen für Evakuierte: Besuch von Beschyhyn und neue Unterbringungsformate
In der vergangenen Woche besuchte der Minister für Gemeinden, Territorien und Binnenvertriebene, Witali Beschyhyn, die Chersoner Oblast. Während des Besuchs wurde die praktische Unterstützung der Bewohner diskutiert, die die Risikozone verlassen. Geprüft wird die Möglichkeit, Evakuierte in Pensionen und anderen Unterbringungsobjekten in sicheren Regionen unterzubringen, wo ihnen vorübergehend komfortable Wohnbedingungen gewährleistet werden. Parallel werden Maßnahmen zur Unterstützung bei der Jobsuche und zur Einschulung von Kindern in Schulen und Kindergärten erarbeitet. Separat wird die Möglichkeit einer zusätzlichen finanziellen Unterstützung für diejenigen erörtert, für die ein Umzug und die Wohnungsmiete in einer anderen Stadt eine erhebliche finanzielle Belastung darstellen würden.
Kontext: Angriffe auf das KWK und das Winterszenario
Die Aufrufe Prokudins zur Evakuierung sind keine einmaligen. Zuvor hatte der Leiter der Chersoner Oblastverwaltung bereits gewarnt, dass die Stadt im kommenden Winter nicht mit einem regulären Betrieb des KWK (Kraftwerk für Heiz- und Stromversorgung) rechnen könne. Diese Aussage erfolgte nach dem Angriff russischer Streitkräfte auf das Chersoner KWK mit vier gelenkten Flugbomben: Das Objekt erlitt kritische Zerstörungen, und die gesamte verbliebene wärmeerzeugende Anlage wurde vernichtet. Genau dieser Vorfall war einer der wesentlichen Auslöser für die Erweiterung der Zone der obligatorischen Evakuierung, wie Korrespondent, Glawred und ZN.ua berichten.
Widersprüchliche Angaben
In Veröffentlichungen verschiedener Medien wird ein Unterschied in der Formulierung festgehalten: RBC-Ukraine zitiert Prokudins Worte als „Aufruf“ und „Warnung“, während Korrespondent, Glawred und ZN.ua den Begriff „obligatorische Evakuierung“ verwenden und auf die Erweiterung ihrer Zone hinweisen. Dies ist weniger ein Widerspruch als vielmehr der Ausdruck zweier Stufen administrativen Drucks: Die öffentliche Rhetorik des Leiters der Oblastverwaltung bleibt überzeugend und appelliert an die bewusste Wahl der Bewohner, während die Rechtsakte für einzelne Bezirke einen verpflichtenden Charakter der Verlagerung vorsehen können. Die genaue Liste der Ortschaften, die unter den obligatorischen Modus fallen, wird in den vorliegenden Materialien nicht im Detail aufgeführt, was Raum für Präzisierungen seitens der Oblastverwaltung lässt.