In Solotschiw, einer Stadt in der Oblast Charkiw, die nur 17 Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt, sind Explosionen und das Summen von Drohnen täglich zu hören. Trotz der ständigen Bedrohung leben und trainieren hier Kinder – junge Radfahrer des lokalen Clubs „Zolochiv Cycling Club“. Ihre Geschichte ist nicht nur Sport, sondern ein Symbol für Widerstandskraft, Hoffnung und den Glauben an die Zukunft, selbst wenn die Welt um sie herum zusammenbricht.
Der unterirdische Sportraum: Wo Kinder Sicherheit finden
Normalerweise trainieren Radsportler im Freien – in Parks, auf Strecken, unter freiem Himmel. Doch in Solotschiw ist dieser Luxus nicht verfügbar. Aufgrund der ständigen Drohnenbedrohung und Artilleriebeschüsse trainieren die Kinder in einem unterirdischen Kinderbereich, der mit Unterstützung von UNICEF und der Stiftung „Friedlicher Himmel Charkiw“ geschaffen wurde. Dieser Ort ist für sie die einzige Zuflucht, an der sie sich sicher fühlen, psychologische Unterstützung erhalten, an Kunsttherapie teilnehmen und ihren durch den Krieg unterbrochenen Bildungsweg fortsetzen können.
Nikolai: Vom schulischen Hobby zum Traum von der ukrainischen Nationalmannschaft
Der 16-jährige Nikolai ist einer der führenden Köpfe des Clubs. Er begeisterte sich noch in der Schule für den Radsport, als er in einen Kinder-Radsportclub kam. „Dann bekam ich viele Freunde, und wir verbrachten viel Zeit zusammen, auch beim Radsporttraining“, erinnert er sich. Der umfassende Krieg zerstreute die Freunde in verschiedene Städte: Nikolai und seine Familie mussten in das ruhigere Bohoduchiw umsiedeln. Doch sobald sich die Möglichkeit bot, kehrte er nach Solotschiw zurück und nahm sofort wieder das Training auf.
Drei Leben des Radsportclubs: Von der Zerstörung bis zur Wiedergeburt
Das erste Training des erneuerten Clubs fand auf der Basis eines lokalen Sportkomplexes statt. Doch die Freude währte nicht lange: Im Jahr 2023 wurde der Komplex bei Beschüssen zerstört. „Das hat mich ehrlich gesagt moralisch gebrochen“, sagt Nikolai. „Radsport war ein untrennbarer Teil meines Lebens. Es fiel mir sehr schwer, ohne ihn zu leben“. Aber der Trainer Witalij Sadowy, stellvertretender Leiter der Verwaltung der Siedlung Solotschiw, ließ die Kinder nicht den Mut sinken. Er fand einen neuen Raum, brachte Trainingsgeräte und Fahrräder hinein – und der Club lebte zum dritten Mal auf.
Träume, Bildung und Freunde: Was die Kinder in Solotschiw hält
Nikolai träumt davon, Meister von Ukraine zu werden und auf internationaler Ebene anzutreten. „Ich habe viele ukrainische Vorbilder, die derzeit in Europa antreten und Podiumsplatzierungen erreichen. Ich würde sehr gerne der ukrainischen Radsport-Nationalmannschaft beitreten“, teilt er mit. Lernen und Sport zu kombinieren ist derzeit nicht einfach: Die Schule in Solotschiw wurde bereits zu Beginn des Krieges bombardiert, daher wurde der Unterricht auf Online-Format umgestellt. Doch laut Nikolai ist der Eifer nicht erloschen: „Ich habe jeden Tag die Inspiration, eine gute Ausbildung zu erhalten, einen guten Job zu finden, Sport zu treiben und einfach weiterzuleben, für mich selbst.“ „In diesem Raum habe ich die Möglichkeit, nicht nur Sport zu treiben. Hier habe ich sehr wertvolle Menschen für mich gefunden – Freunde, Vertraute. Dies ist jetzt, sozusagen, der einzige sichere Ort, an dem ich sie sehen kann“, versichert der junge Mann.
Sport als Therapie: Beobachtungen des Trainers und Unterstützung internationaler Partner
Laut Witalij Sadowy wird Sport für die Kinder nicht nur zu körperlicher Aktivität, sondern zu einer Möglichkeit, trotz der Realität des Krieges Kinder zu bleiben: „Wenn sie mit Freunden kommunizieren und an Wettkämpfen teilnehmen, empfinden sie Freude. Und man sieht an ihnen, wie sich der Zustand der Kinder in dieser Realität ständiger Beschüsse verändert – hier entspannen sie sich, hier fühlen sie sich sicher“. Der Radsportclub ist ein Beweis dafür, wie solche Räume jungen ukrainischen Sportlern helfen, ihre Talente zu entwickeln und andere Kinder mit ihrem Beispiel zu inspirieren. „Dank dieses Raums haben wir die Möglichkeit, Kinder zu trainieren und bei landesweiten Wettkämpfen würdige Ergebnisse zu erzielen“, erzählt der Trainer. Sichere Orte für Kinder werden mit Unterstützung der Regierungen der USA, Schwedens, Norwegens und Dänemarks betrieben.