Im Rahmen der Herbst-Kohorte von Y Combinator hat das deutsche Startup Ratlog, gegründet von Absolventen der Technischen Universität Dresden, ein Projekt für eine schwere Trägerrakete vorgestellt, das sich nach Angaben des Teams grundlegend von den Ansätzen der modernen Raumfahrtindustrie unterscheidet. Der Hauptansatz des Unternehmens ist die radikale Vereinfachung des Raketentriebwerksdesigns: Die Anzahl der Teile soll um 90 % reduziert werden. „Es gibt Unternehmen, die anderen Treibstoff verwenden oder einen Tank aus einem anderen Material bauen, aber das sind alles inkrementelle Schritte. Wir sind die Einzigen, die etwas wirklich anderes machen“, sagte Ratlog-CEO und Mitgründer Charlie Weise bei der Projektpräsentation.

Zielparameter und architektonische Lösungen

Die Ratlog-Rakete zielt darauf ab, eine Leistung zu erreichen, die mit der Falcon 9 von SpaceX vergleichbar ist — an genau diese Parameter haben sich Kunden von Orbitalstarts bereits gewöhnt. Gleichzeitig wird die Nutzlastverkleidung der Rakete den Angaben des Startups zufolge voraussichtlich breiter sein als beim US-amerikanischen Pendant, was die Möglichkeiten zur Unterbringung von Nutzlasten erweitern könnte. Die Gründer betonen, dass ihr Ansatz nicht auf den Austausch von Treibstoff oder Tankmaterial beschränkt ist, sondern die Philosophie des Triebwerksdesigns selbst berührt. Ihrer Einschätzung nach kann dies die Kosten und die Produktionszeit von Antriebssystemen für Raumfahrzeuge erheblich senken.

Chronologie: Vom Zuschuss zu Y Combinator in fünf Monaten

Das Ratlog-Team zeigt ein hohes Entwicklungstempo. Der erste Zuschuss in Höhe von 30.000 Euro von der deutschen Regierung wurde im April 2026 erhalten. Bereits Anfang September fand ein Testlauf des Triebwerks Prototypen statt, und wenige Wochen später wurde das Startup in die Y-Combinator-Herbstkohorte aufgenommen. Zum Vergleich: Das 2018 gegründete israelische Unternehmen Isar Aerospace führte den Erststart seiner deutlich kleineren Rakete erst 2025 durch. Damit hat Ratlog innerhalb weniger Monate den Weg von der staatlichen Förderung bis zur Teilnahme an einem der bekanntesten Technologie-Beschleuniger der Welt zurückgelegt.

Nächste Schritte und kommerzielle Vereinbarungen

Im November 2026 plant Ratlog Heißtests des Triebwerks durchzuführen und im Dezember die Ergebnisse beim Y Combinator Demo Day zu präsentieren. Nach Angaben des Startups hat das Unternehmen bereits Vorvereinbarungen mit Betreibern von Orbital-Rechenzentren und Besitzern von Satellitenkonstellationen getroffen, was auf eine potenzielle kommerzielle Nachfrage nach Startdienstleistungen hinweist. Die Gründer positionieren Ratlog als europäische Alternative und erklären ihre Absicht, eine „günstigere und erschwinglichere Ariane 6“ zu werden — die Flaggschiff-Schwerlastrakete der Europäischen Weltraumorganisation.

Startplätze und strategische Positionierung

Als mögliche Startplätze zieht Ratlog die Gebiete des Oman und der Vereinigten Arabischen Emirate in Betracht. Die Wahl dieser Standorte ist wahrscheinlich auf die geografische Lage, die klimatischen Bedingungen und die Verfügbarkeit von Raumfahrtinfrastruktur im Nahen Osten zurückzuführen. Sollte sich der angekündigte Ansatz zur Vereinfachung des Triebwerksdesigns bei Tests bestätigen, könnte dies den Weg für eine deutliche Erhöhung der Startfrequenz und eine Senkung der Kosten für die Beförderung von Nutzlasten in die Umlaufbahn ebnen, was besonders angesichts der wachsenden Nachfrage nach Orbital-Rechenzentren und großen Satellitenkonstellationen relevant ist.