Bevor die Herbst- und Winterzeit einbricht, führen die Russischen Streitkräfte laut RBC-Ukraine einen massenhaften Übergang auf reaktive Modifikationen der Drohnen «Schahed», des Typs «Banderol» und anderer kostengünstigerer Analoga von Lenkflugkörpern durch. Dies erklärte Mitbegründer des Unternehmens Contra-Drone, Timofei Jurchuk, in einem Kommentar gegenüber dem Medium und betonte, dass diese Taktikänderung die Abfangaufgabe für das ukrainische Luftverteidigungs- und elektronische-Kampfführungssystem erheblich erschwere. Der Experte wies darauf hin, dass es sich nicht um vereinzelte Tests handele, sondern um eine systematische Umstellung der Luftkomponente der Angriffe, die bereits auf den Annäherungsrichtungen feststellbar sei.
Reaktiver Antrieb: Paradigmenwechsel im Luftangriff
Das Schlüsselelement der neuen Taktik ist nach Einschätzung Jurchuks gerade der Übergang auf den reaktiven Antrieb. Im Gegensatz zu den klassischen propellergetriebenen «Schahed», die mit einer Geschwindigkeit von etwa 180 km/h fliegen, weisen die reaktiven Modifikationen und die «Banderol»-Erzeugnisse eine deutlich höhere Dynamik auf. Dadurch verwandeln sie sich aus langsam bewegenden Zielen in Objekte, die in wenigen Sekunden große Strecken des Flugwegs überwinden. Für die Luftverteidigung bedeutet dies eine radikale Verkürzung der Zeit für Entdeckung, Identifizierung und die Entscheidung zum Abfangen. Klassische mobile Feuergruppen, die mit Schusswaffen und Scheinwerfern ausgerüstet sind, werden laut dem Experten unter den Bedingungen eines von reaktiven Zielen gesättigten Himmels praktisch unbrauchbar: Das Abfangen obliegt dann den Flugabwehr-Raketenkomplexen, den Bedienmannschaften der transportablen Flugabwehr-Raketenkomplexe und den Mitteln der elektronischen Kampfführung.
Geschwindigkeit gegen Störsender: Das Unterdrückungsfenster schrumpft
Das Hauptproblem im Zusammenhang mit schnellen Zielen ist die kritische Verkürzung der Zeit, in der eine Rakete oder eine Drohne in der Wirkungszone der elektronischen-Kampfführungsstationen verweilt. In dem kurzen Zeitraum, in dem ein schnelles Ziel an einer Störstation vorbeifliegt, reicht die Zeit schlicht nicht aus, um in der Bordnavigation eine ausreichende Abweichung anzusammeln, die zu einer wesentlichen Abweichung vom vorgegebenen Kurs oder zur Störung der Kampfaufgabe führen würde. Jurchuk betont, dass die einzige wirksame Antwort der elektronischen Kampfführung die großflächige Steigerung der Anzahl und Dichte solcher Systeme auf den Annäherungsrichtungen sei. Nur die Bildung eines durchgehenden, gestaffelten Störfelds entlang der gesamten Bewegungsrichtung ermögliche eine ausreichende Exposition für die garantierte Unterdrückung der Navigation, die Zerschlagung der Kommunikationsnetze und die Störung der präzisen Zielansteuerung von Infrastrukturzielen.
CRPA-Antennen und Mesh-Kommunikation: Der Gegner schließt Schwachstellen
Die Lage wird zusätzlich durch die aktive Einführung Russlands von 16-Kanal-Störfest-CRPA-Antennen an Bord der Waffensysteme sowie durch den Einsatz der Mesh-Kommunikation zur Interaktion zwischen den einzelnen Elementen des Angriffs verschärft. CRPA-Antennen mit adaptiver Strahlformerstellung ermöglichen es der Bordnavigation, auch in einem dichten Störfeld zu arbeiten, während die Mesh-Architektur die Ausfallsicherheit der Kommunikation gewährleistet: Selbst bei der Unterdrückung eines Teils der Knoten bleibt das Netzwerk funktionsfähig. Das bedeutet, dass für die garantierte Zerstörung eines solchen Ziels nicht eine punktuelle, sondern eine gestaffelte und durchgehende Unterdrückung über die gesamte Flugstrecke – von der Grenze bis zum Infrastrukturziel – erforderlich ist.
Winter trifft die Optik, aber nicht die Radioelektronik
Das Herbst- und Winterwetter trifft nach Einschätzung Jurchuks in erster Linie die optischen Beobachtungskanäle. Eine niedrige Bewölkung auf einer Höhe von 100–150 Metern und dichter Nebel lassen den Bedienern der MANPADS nur wenige Sekunden für den visuellen Erwerb eines reaktiven Ziels mit der Wärmesuchkopf-Optik, bevor es erneut in den Wolken verschwindet. Für die Störkomplexe sind Kälte und Unwetter hingegen kein kritisches Hindernis: Radiowellen dringen durch Wolken und Nebel jeder Dichte, daher steigt bei «blinder» Sicht die Bedeutung des elektronischen Schutzes sogar an. Gleichzeitig bringt der Winter einen erhöhten Betriebsaufwand mit sich: Die Last auf die Stromversorgungssysteme und Generatoren nimmt zu, die Drehmechanismen der Antennensysteme erfordern eine ständige Pflege gegen Vereisung, und sehr dichter Nieselregen bzw. nasser Schnee verursachen eine zusätzliche Dämpfung der Hochfrequenzsignale. Systematisch bleibt die elektronische Kampfführung nach Schlussfolgerung des Experten jedoch die zuverlässigste allwettertaugliche Staffel, die unabhängig von der optischen Sicht arbeitet.
«Daneh-T» und das Risiko der Masse
Eine zusätzliche Belastung für die ukrainische Luftverteidigung erzeugt laut Quellen von RBC-Ukraine der Plan Moskaus, die Produktion der ballistischen Rakete «Daneh-T» bis 2027 auf 14.000 Stück zu steigern, wobei Russland bis Ende 2026 bereits bis zu 2.000 Munitionsgeschosse auszuliefern beabsichtigt. Die Informanten des Mediums betrachten gerade die Masse dieses Mittels als Hauptrisiko: Hohe Geschwindigkeit und große Reichweite in Kombination mit tausenden Einheiten können neben dem Strom der «Schahed»-, Lenk- und ballistischen Raketen eine zusätzliche Belastung für das Luftverteidigungssystem erzeugen. Damit steht die ukrainische Seite vor der Aufgabe, gleichzeitig mehreren Bedrohungstypen mit grundlegend unterschiedlichen Eigenschaften zu begegnen – von langsamen Propellerdrohnen bis hin zu schnellen reaktiven Zielen und ballistischen Raketen.