An der russisch-georgischen Grenze wurde einer der größten Menschen- und Fahrzeugströme seit Beginn des Konflikts registriert. Laut Angaben, auf die sich das Magazin Politico beruft und die von georgischen und russischen Medien bestätigt werden, haben allein in der vergangenen Woche mehr als 113.000 russische Staatsbürger den Grenzübergang „Oberer Lars“ passiert. Dieser Zustrom zeitlich mit den hitzigen Diskussionen über eine mögliche neue Einberufung zusammen, was nach Einschätzung von Beobachtern den Hauptgrund für die Massenabwanderung darstellte.

Rekordmengen am „Oberen Lars“

Georgien bleibt eines der wenigen Nachbarländer, in das russische Staatsbürger visumfrei einreisen können, was diese Route zum wichtigsten „Korridor“ für diejenigen macht, die das Land verlassen möchten. Vor dem Hintergrund des sprunghaften Anstiegs des Passagieraufkommens wurde der Verkehr über den „Oberen Lars“ für alle Fahrzeuge bereits zeitweise eingestellt, und vor dem Grenzübergang bildeten sich erneut kilometerlange Staus. Die Lage an der Grenze wird in den letzten Tagen sowohl von russischen als auch von georgischen Medien verfolgt, die Schlangen aus Pkw und Lkw dokumentieren.

Position Moskaus: Eine Massenmobilmachung ist nicht geplant

Der Kreml und der russische diplomatische Apparat dementieren die Grundlage der Gerüchte öffentlich. Russlands Ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen, Wladimir Nebenzja, erklärte gegenüber Journalisten, dass „uns derzeit keine Massenmobilmachung erforderlich ist; soweit ich weiß, ist sie nicht geplant und nicht zu erwarten“. Der Sprecher der russischen Regierung, Dmitri Peskow, behauptet seinerseits, dass alle Gespräche über eine Mobilmachung „von der ukrainischen Regierung eingeworfen“ würden, also ein Element des Informationsdrucks darstellten.

Kiew warnt vor einer neuen Welle

Die ukrainische Seite beharrt hingegen auf dem Gegenteil. Am 25. August rief der Ständige Vertreter der Ukraine bei den Vereinten Nationen, Andrej Melnyk, die Russen auf, das Land zu verlassen, und warnte vor einer neuen Welle der Zwangsmobilmachung nach den sogenannten Wahlen in die Staatsduma. Nach seiner Einschätzung plant Wladimir Putin, bis zu 500.000 Menschen zu mobilisieren und sie in den Krieg gegen die Ukraine zu schicken. Noch schärfere Aussagen fielen am 27. August: Laut ukrainischem Geheimdienst habe der Kremlchef die Mobilmachung sowie das „Vertragsverhältnis“ mit inhaftierten Frauen aus Gefängnissen und Lagern nach elf Artikeln des Strafgesetzbuches genehmigt. Der Kreml plane laut denselben Informationen, in diesem Jahr 300.000 Menschen in die Armee zu ziehen und im Jahr 2027 noch einmal so viele.

Widersprüchliche Daten

Hier widersprechen sich die Versionen der beiden Seiten direkt. Einerseits leugnen die offiziellen russischen Aussagen (Nebenzja, Peskow) entschieden die Vorbereitung einer Massenmobilmachung und werfen Kiew vor, das Thema „einzuschieben“. Andererseits behaupten ukrainische diplomatische und nachrichtendienstliche Quellen, dass die Mobilmachung, einschließlich der Einberufung von Häftlingen, genehmigt wurde, und nennen konkrete Zahlen – bis zu 500.000 Menschen. Eine unabhängige Verifikation dieser nachrichtendienstlichen Einschätzungen ist derzeit nicht möglich, und der tatsächliche Umfang möglicher Einberufungsmaßnahmen ist von keiner der beiden Seiten dokumentarisch bestätigt. Aus diesem Grund kann die Massenabwanderung der Russen an der Grenze vorerst nur als Reaktion auf Gerüchte und den Informationshintergrund interpretiert werden, nicht aber als Beweis eines bereits eingeleiteten Prozesses.

Kontext: Analogie zum Herbst 2022

Eine ähnliche Lage hatte Georgien bereits im Herbst 2022 beobachtet: Nach der Erklärung der Teilwehrenmobilmachung und der Einberufung von 300.000 Menschen nahm das Land in nur einer Woche mehr als 100.000 Russen auf. Der aktuelle Wert von 113.000 in einer Woche am „Oberen Lars“ ist mit jenem historischen Höchststand vergleichbar, was die besorgniserregenden Signale verstärkt. Somit zeigt selbst ohne eine offizielle Bestätigung der Mobilmachung durch Moskau der bloße Rekordwert des Passagieraufkommens an der Grenze, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung die Gerüchte über eine neue Einberufung als reales Risiko wahrnimmt.