Russische Militärkrankenhäuser können laut Berichten ukrainischer und internationaler Medien nicht mehr mit dem Strom der Verwundeten unter den Teilnehmern des Krieges gegen die Ukraine zurechtkommen. Wie RBC-Ukraine unter Berufung auf The Moscow Times berichtet, werden immer mehr Kämpfer nicht in spezialisierten Militäreinrichtungen, sondern in gewöhnlichen zivilen Krankenhäusern behandelt und rehabilitiert, wo für sie ganze Abteilungen umgewidmet und ein besonderes Geheimhaltungsregime eingeführt werden. Das Bestehen solcher geschlossener Einheiten berichteten dem Medium Mitarbeiter des Gesundheitswesens aus mehreren Regionen, darunter die Oblast Jaroslawl und Sibirien.

Geheime Abteilungen in zivilen Krankenhäusern

Laut Ärzten funktionieren in einem der Krankenhäuser der Oblast Jaroslawl seit 2024 zwei geschlossene Abteilungen, in denen gleichzeitig bis zu 70 Kriegsteilnehmer behandelt und rehabilitiert werden. Eine Traumatologin eines städtischen Krankenhauses in Sibirien berichtete, dass Ärzte und Krankenschwestern solcher Abteilungen Geheimhaltungsverträge unterzeichnen und die gesamte medizinische Dokumentation eingestuft ist: In den Krankenakten fehlen Vorname, Nachname und Vaterschaftsname des Patienten, stattdessen wird lediglich eine Nummer angegeben. Dieser Ansatz diene laut den Gesprächspartnern des Mediums dazu, die wahren Ausmaße der Verluste und die Belastung des Gesundheitssystems vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Krankenbetten, Regionen und Geheimhaltungsverträge

Ende Mai 2023 wurde laut Angaben des Mediums „Wot Tak“ der Punkt erreicht, an dem die Behörden versprachen, dem Verteidigungsministerium fast 5.000 Krankenbetten in 27 zivilen Krankenhäusern in 11 Regionen zu übergeben, darunter Moskau, Sankt Petersburg, Rostow am Don und Sewastopol. Dabei wurde über diese Entscheidung offiziell nicht informiert, und die Liste der konkreten Krankenhäuser ist bis heute unbekannt. Nach Berechnungen von „Wot Tak“ gibt es in Russland derzeit mindestens 58.300 Krankenbetten in militärischen medizinischen Einrichtungen, in denen jährlich etwa eine Million Verwundeter behandelt werden können, doch nach Angaben der Ärzte reicht der Platz trotzdem nicht aus.

Überlastung des Systems und Auswirkungen auf die Bürger

Mediziner weisen darauf hin, dass das Auftauchen von Militärpatienten in zivilen Krankenhäusern sich unmittelbar auf die Verfügbarkeit medizinischer Hilfe für die übrigen Bürger auswirkt: Es wird deutlich schwieriger, einen Facharzt zu erreichen. Tatsächlich wird ein Teil der Ressourcen, des Personals und des Bettenfonds zugunsten der geschlossenen Militärabteilungen umverteilt, was die Belastung des ohnehin überlasteten Gesundheitssystems in den Regionen, in denen solche Einheiten aufgestellt wurden, verstärkt.

Widersprüchliche Daten

Hier ist es wichtig, zwei Gruppen von Zahlen zu unterscheiden. Einerseits basieren die Angaben zur Übertragung von 5.000 Betten in 27 Krankenhäuser in 11 Regionen sowie zum Betrieb geschlossener Abteilungen auf Leaks und Aussagen von Ärzten, nicht aber auf veröffentlichten offiziellen Dokumenten – Moskau hat weder die Liste der Einrichtungen noch das Volumen der übergebenen Betten bestätigt, daher können diese Zahlen nicht als von einer staatlichen Quelle verifiziert gelten. Andererseits ist die Verlustschätzung, auf die in diesem Zusammenhang verwiesen wird – die Daten des Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS) – eine externe analytische Einschätzung und keine offizielle Erfassung Russlands: Nach Berechnungen des CSIS beliefen sich die Gesamtpersonalverluste der russischen Armee bis Juni des laufenden Jahres auf 1,4 Millionen Menschen, von denen mindestens 450.000 getötet wurden und der Rest schwere Verletzungen erlitt oder vermisst wurde. Die russischen Behörden erkennen diese Zahlen nicht an, was einen direkten Widerspruch zwischen der unabhängigen Einschätzung und dem offiziellen Schweigen erzeugt.

Kontext: Verluste und Mobilmachungsbefehle

Die wachsende Belastung der medizinischen Einrichtungen erfolgt vor dem Hintergrund laufender Mobilmachungsprozesse: Zuvor wurde berichtet, dass Russen in den Militärkommissariaten massenhaft „Mobilmachungsvorschreibungen“ erhalten, was es ermöglicht, Hunderttausende von Männern dringend in Sammelstellen zu rufen, während Wehrpflichtige immer häufiger auf Einschränkungen bei dem Versuch stoßen, das Land zu verlassen. Zusammen erklären diese Faktoren nach Einschätzung der Journalisten, warum die Behandlung der Verwundeten immer häufiger aus den offiziellen Militärkrankenhäusern in geschlossene Abteilungen ziviler Krankenhäuser verlagert wird.