Der russische Auslandsgeheimdienst (SWR) hat Daten veröffentlicht, die auf eine tiefe Personalcrise im staatlichen Gesundheitssystem des Landes hindeuten. Laut Informationen, die vom Medium RBC-Ukraine weitergegeben wurden, fehlen den russischen medizinischen Einrichtungen rund 23.000 Ärzte und mehr als 63.000 Fachkräfte des mittleren medizinischen Personals. Der Gesamtmangel an qualifiziertem Personal übersteigt damit 86.000 Menschen – eine Zahl, die nach Einschätzung von Analysten das Funktionieren der Primärversorgung in einer Reihe von Regionen gefährdet.
Regionen in der roten Zone und eng spezialisierte Berufe
Die akuteste Lage, so die Daten der SWR, herrscht in den Oblasten Wolgograd, Rostow und Astrachan. Dort entfallen auf eine Arztstelle lediglich 1,7 Lebensläufe – ein Indikator, der zeigt, dass Arbeitgeber selbst bei aktiver Suche ihre Stellen nicht besetzen können. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Mangel an hochspezialisierten Fachkräften: In russischen Kliniken fehlen etwa 15 % der benötigten Orthodonten sowie Kinderzahnärzte, Implantologen und Kieferchirurgen. Gerade diese Fachrichtungen gewährleisten in der Regel den Zugang zu planmäßiger und hochtechnologischer Versorgung, und ihr Fehlen beeinflusst die Wartezeiten der Patienten unmittelbar.
Formale Besetzungsquote und tatsächliche Arbeitslast
Besonderes Interesse verdient die Lage in Sankt Petersburg, wo offiziell von einer 100-%-Besetzung der Arztposten die Rede ist. Gleichzeitig besteht nach denselben SWR-Daten in der Stadt ein akuter Bedarf an Hausärzten, Pädiatern und Notdienstkräften. Die formellen Indikatoren werden, wie in der Mitteilung festgehalten, dadurch erreicht, dass die amtierenden Mediziner gezwungen sind, 1,5–2 Stellen zu bekleiden und so den Mangel an Kollegen auszugleichen. Ein solches Arbeitsregime führt nach Expertenmeinung zu chronischer Überlastung des Personals und wachsender Berufsermüdung, was auf lange Sicht den Personalabfluss nur verschärft.
Verschwindende Berufe und Abfluss in den Privatsektor
Der Personalmangel betrifft auch einzelne medizinische Berufe, die aus dem staatlichen System faktisch verschwinden. 2024 arbeiteten in den staatlichen Kliniken Russlands lediglich 12 Osteopathen, die in 80 Regionen des Landes gar nicht vertreten waren. Die Zahl der manuellen Therapeuten im staatlichen Gesundheitswesen betrug rund 200, und in den letzten Jahren ist sie um 13,3 % gesunken. Qualifizierte Fachkräfte wechseln laut Geheimdienst in Massen von staatlichen Einrichtungen in den Privatsektor oder verlassen den Beruf vollständig. Zu den Hauptgründen zählen das niedrige Gehalt und der Mangel an praktischer Erfahrung bei Absolventen medizinischer Hochschulen, die nicht bereit sind, unter Bedingungen eines Mentorenmangels und überlasteter Abteilungen zu arbeiten.
Systemischer Charakter des Problems
Das Problem beschränkt sich nicht auf das Gesundheitswesen. Laut Arbeitsmarkt-Analysten betrifft der Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern auch den Handel, den Bau und den Verkehr, was systemische Risiken für die sozialen und wirtschaftlichen Bereiche Russlands erzeugt. In der Ukraine wird seinerseits ein ähnlicher struktureller Bruch zwischen den Anforderungen der Arbeitgeber und den Fähigkeiten der Bewerber festgestellt: Die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitern übersteigt das Angebot, am dringendsten wird der Mangel bei Sanitärinstallateuren, Elektrikern und Notfall-Wiederherstellungsspezialisten spürbar. Damit ist die Personalcrise in der Medizin Teil eines breiteren Trends, der beide Länder der Region betrifft.
Widersprüchliche Daten
In den vorliegenden Informationen gibt es eine Reihe interner Widersprüche. Erstens widerspricht die offizielle Angabe einer 100-%-Besetzung der Arztposten in Sankt Petersburg direkt der Feststellung eines akuten Bedarfs an Hausärzten, Pädiatern und Notdienstkräften in derselben Stadt. Die von der SWR gegebene Erklärung – die Arbeit auf 1,5–2 Stellen – räumt faktisch ein, dass der formelle Indikator die tatsächliche Lage nicht widerspiegelt. Zweitens ist die Datenquelle der Auslandsgeheimdienst und nicht das russische Gesundheitsministerium, was Fragen zur Zählmethodik und dazu aufwirft, ob diese Zahlen mit der offiziellen Statistik übereinstimmen. Exakte Daten des Gesundheitsministeriums, die eine gegenseitige Verifizierung der Werte von 23.000 Ärzten und 63.000 mittleren Fachkräften ermöglichen würden, wurden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in offenen Quellen nicht vorgelegt.