Die einheitliche Front der Europäischen Union beim Sanktionsdruck auf Russland zeigt Risse. Hinter den Kulissen Brüssels entbrennt ein heftiger Streit, der die Verabschiedung eines neuen, 21. Restriktionspakets gefährden könnte. Eine Sechsergruppe der größten Volkswirtschaften des Blocks – Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland, Österreich und Portugal – fordert offen Ausnahmen, da sie befürchten, dass harte Maßnahmen ihren eigenen Unternehmen schaden würden.
Wirtschaft gegen Geopolitik
Dem Finanzmagazin Financial Times zufolge verzeichnen europäische Diplomaten einen beunruhigenden Trend: Die Mitgliedstaaten der EU sind weniger bereit, den wirtschaftlichen Preis für einen verstärkten Druck auf Moskau zu zahlen. Für die Annahme eines neuen Sanktionspakets im Block ist Einstimmigkeit aller Staaten erforderlich. Genau dieser Mechanismus ist derzeit zum Stein des Anstoßes geworden. Wenn kein Konsens gefunden wird, könnte das gesamte Paket blockiert werden.
Die Situation unterscheidet sich grundlegend vom Beginn der Krise, als die Länder bereit waren, Verluste in Kauf zu nehmen, um die Ukraine zu unterstützen. Heute rücken die nationalen Interessen in den Vordergrund, und die Regierungen stellen den Schutz ihrer Schlüsselbranchen an erste Stelle.
Griechenland: Überlebensfrage für die Schifffahrt
Die härteste und prinzipiellste Position hat Griechenland eingenommen. Athen spricht sich kategorisch gegen ein Verbot der Beförderung von russischem verflüssigtem Erdgas (LNG) in Drittländer aus. Für die griechische Wirtschaft ist dies keine Frage des Gewinns, sondern des Überlebens eines ganzen Sektors.
Die griechischen Behörden befürchten, dass die Einführung von Beschränkungen den nationalen Reedereien, die auf den Transport von russischem LNG spezialisiert sind, irreparablen Schaden zufügen würde. Insbesondere geht es um den Schutz der Interessen des Unternehmens Dynagas. Darüber hinaus warnen sie in Athen vor einer strategischen Bedrohung: Wenn griechische Tanker diesen Markt verlassen, würden die freigewordene Marktanteile sofort von Konkurrenten aus den USA, China und Japan übernommen werden.
Deutschland, Portugal und andere
Nicht nur Griechenland sucht nach Schlupflöchern in den neuen Regeln. Deutschland und Portugal haben sich zusammengeschlossen, um einem Verbot der Einfuhr von russischem Fisch entgegenzuwirken. Ihr Ziel ist es, die Interessen der einheimischen Verarbeitungsindustrie zu schützen, die von Rohstofflieferungen aus der RF abhängt.
Frankreich, Italien und Österreich haben sich ebenfalls der Forderung angeschlossen, bestimmte Bestimmungen zu mildern oder Ausnahmen für nationale Unternehmen zu gewähren. Diplomaten stellen fest, dass die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Europäischen Union mit jedem Tag zunehmen.
Bürokratischer Sackgasse
Die Verhandlungen über das 21. Sanktionspaket sind in einer Sackgasse gelandet. Am 15. Juli konnten die Botschafter der EU-Länder erneut keine Einigung erzielen. Wie die Medien berichteten, blockierte Griechenland den Prozess und berief sich auf den Schaden für Dynagas. Zuvor hatte die Chefin der europäischen Diplomatie, Kaja Kallas, zugegeben, dass eine Einigung über das neue Paket von Beschränkungen noch nicht erzielt wurde, obwohl an ihm weitergearbeitet wird.
Gegenwärtig versucht man in Brüssel, einen Kompromiss zu finden, der alle zufriedenstellt, aber angesichts der Tatsache, dass sechs Länder wesentliche Zugeständnisse fordern, sieht die Aussicht auf eine baldige Annahme einer gemeinsamen Entscheidung immer trüber aus.