Das Institute for the Study of War (ISW) hat in seinem neuesten Bericht, auf den sich RBC-Ukraine bezieht, eine deutliche Verschlechterung der Stellungen der russischen Armee in Richtung Lyman festgestellt. Laut den US-amerikanischen Analysten räumen russische Militärblogs immer häufiger öffentlich erfolgreiche Gegenangriffe der Verteidigungskräfte der Ukraine in der Nähe von Lyman sowie den erzwungenen Verzicht auf einzelne vorgeschobene Stellungen ein. Dieses Eingeständnis steht im Widerspruch zum offiziellen Bild, das die Aussagen des russischen Kommandos und die Karten anderer Militärblogs über lange Zeit zeichneten und eine deutlich „optimistischere“ Dynamik des Vordringens zeigten.
Eingeständnis von Rückzügen in der Milblogger-Szene
Dem ISW-Bericht zufolge behauptete einer der russischen Militärblogs ausdrücklich, dass die ukrainischen Streitkräfte bereits seit mehreren Monaten Gegenangriffe in der Nähe von Lyman durchführen. Das bedeutet, dass die tatsächliche Dynamik auf diesem Abschnitt der Frontlinie laut den Analysten erheblich von dem abweicht, was in den offiziellen Lageberichten gemeldet wurde. Militärblogs, die zuvor auf die Unterstützung des Kommandos ausgerichtet waren, weisen nun offen darauf hin, dass russische Einheiten gezwungen waren, eine Reihe vorgeschobener Stellungen zu räumen, was die Effektivität der ukrainischen Gegenbatterie- und Gegenangriffsoperationen in diesem Gebiet de facto bestätigt.
Widerspruch zum offiziellen Narrativ und „gute Nachrichten“
Eigenständiges Thema im ISW-Bericht ist das wachsende Unzufriedenheit innerhalb der russischen Milblogger-Szene über die Aussagen von Beamten über ein angeblich erfolgreiches Vordringen der Truppen, insbesondere in Richtung Lyman. Den Analysten zufolge werden in letzter Zeit Forderungen laut, die sogenannten „guten Meldungen“ zu verbieten – falsche oder übertrieben optimistische Berichte über die Lage an der Front. Russische Blogger kritisieren öffentlich das Kommando für die Verbreitung unzuverlässiger Informationen und weisen darauf hin, dass dies unmittelbare operative Konsequenzen für den Verlauf der Kampfhandlungen hat.
Swyatohorsk und die Aussagen Putins
Der Situation um Swyatohorsk, das nordwestlich von Lyman liegt, kommt den ISW-Daten zufolge besondere Aufmerksamkeit zu. Die ukrainischen Streitkräfte haben, wie festgestellt wird, kürzlich die vollständige Kontrolle über diese Stadt demonstriert. Von grundsätzlicher Bedeutung ist, dass dies nur wenige Tage nach der Aussage des Kremlchefs Wladimir Putin über die angebliche Eroberung Swjatohorcs durch die russischen Truppen geschah. Diese Diskrepanz zwischen öffentlichen Aussagen und der tatsächlichen Lage vor Ort stärkt laut den Analysten das Vertrauen in die Eingeständnisse der Militärblogs selbst und untergräbt das Vertrauen in die offiziellen Lageberichte.
Operative Konsequenzen der Desinformation
Russische Blogger beklagen sich den ISW-Daten zufolge, dass die Verbreitung unzuverlässiger Informationen über die Lage an der Front zu echten operativen Konsequenzen führt: Das Kommando trifft auf der Grundlage überhöhter Berichte Entscheidungen, die der Realität nicht entsprechen. Vor diesem Hintergrund wurden in offenen Quellen zuvor auch andere für Moskau beunruhigende Tendenzen festgestellt – darunter Meldungen über rekordhohe Verluste der russischen Armee und über neue Erfolge der Verteidigungskräfte der Ukraine im Donbass, was insgesamt ein Bild des systematischen Rückstands des offiziellen Narrativs gegenüber der Feldlage ergibt.
Widersprüchliche Daten
Hier ist es wichtig, bestätigte Eingeständnisse von analytischen Prognosen zu trennen. Einerseits sprechen das ISW und die ukrainischen Medien, die sich darauf beziehen (RBC-Ukraine, UNIAN, Glavred), davon, dass die ukrainischen Streitkräfte Lyman innerhalb der nächsten 72 Stunden befreien könnten, sowie davon, dass ein möglicher Rückzug aus Kramatorsk und Slawjansk für die russischen Truppen eine schwere Niederlage bedeuten würde. Andererseits geht es im Basisbericht um eine zurückhaltendere Formulierung – um den erzwungenen Verzicht auf einzelne vorgeschobene Stellungen und um die Kontrolle über Swyatohorsk, nicht um die vollständige Befreiung Lymans. Somit ist das „72-Stunden-Szenario“ eine analytische Projektion des ISW und kein festgestelltes Ereignis, und beide Versionen – sowohl die vorsichtigere Einschätzung der Rückzüge als auch die aggressivere Prognose der Befreiung Lymans – erfordern eine sorgfältige Lektüre: Die erste stützt sich auf die Eingeständnisse der Militärblogs, die zweite auf die Extrapolation der aktuellen Dynamik durch die Analysten.